Bandscheibenoperation beim Hund - und was kommt danach?

Bandscheibenvorfälle sind in der tierärztlichen Praxis häufig auftretende neurologische Erkrankungen des Hundes. Es kommt hierbei zu einer Herniation von Bandscheibenmaterial in den Intervertebralkanal und infolgedessen zu einer Kompression und Kontusion des Rückenmarks. Eine weit verbreitete Klassifizierung ist die Unterscheidung in die Degenerationen des Nucleus pulposus (Hansen Typ 1, akuter Bandscheibenvorfall ), einer Verdickung und Fibrosierung des Anulus fibrosus (Hansen Typ 2, chronischer Bandscheibenvorfall) und eines traumatisch bedingen Risses des Anulus fibrosus (Hansen Typ 3). Symptomatisch äußern sich Bandscheibenvorfälle durch die Folgen der Rückenmarksschädigung, der Kompression der Nervenwurzeln und der mit dem Vorfall einhergehenden Entzündung. Die Symptome können daher je nach Lokalisation und Ausprägung variieren.

Symptome eines Bandscheibenvorfalls

Gangabnormitäten, Ataxie, Lähmungserscheinungen
aufgekrümmter Rücken, verhärtete Rückenmuskulatur
▪ verminderte Stellreflexe und Korrekturreaktionen
Tiefenschmerz vermindert oder abwesend
spinale Reflexe normal, gesteigert, vermindert oder abwesend, je nach Lokalisation
Schmerzen (Hecheln, Unruhe, Rückzug, Verhaltensänderung, selten Lautäußerung)
Urin- und Kotinkontinenz bzw. Blasenlähmung möglich
▪ hinzu kommen Allgemeinsymptome je nach Schwere und Dauer des Bandscheibenvorfalls
Cave: Verwechslung mit abdominalen Schmerzen möglich

Die Verdachtsdiagnose wird meistens klinisch gestellt und wird dann unter Zuhilfenahme von bildgebenden Verfahren abgesichert. Die Therapie eines Bandscheibenvorfalls erfolgt je nach Ausprägung konservativ (Ruhigstellung, Schmerzmanagement) oder chirurgisch, wobei der Verlust des Tiefenschmerzes, Rezidive und nicht therapierbare Schmerzen eine Indikation zur Operation darstellen. Eine häufig angewendete Operationsmethode ist die Hemilaminektomie.

Nach erfolgreicher Operation stehen die Tierhalter:innen mit dem aus der Klinik entlassenen Tier vor einer riesigen Herausforderung. Der Zustand vieler Patienten entspricht dem eines „Pflegefalls“. Besonders gute Ergebnisse wurden in meiner Praxis mit einem integrativen Reha-Konzept erzielt."

Tierärztin Sonja Schirmer, Hamburg

Nach erfolgreicher Operation stehen die Tierhalter:innen mit dem aus der Klinik entlassenen Tier vor einer riesigen Herausforderung. Der Zustand vieler Patienten entspricht dem eines „Pflegefalls“. Sie sind häufig Kot- und/oder Harninkontinent, bzw. blasengelähmt und nicht steh- oder gehfähig. Daher ist im Anschluss an einen Klinikaufenthalt eine professionelle Rehabilitation zu empfehlen. Für den Therapieerfolg spielen insbesondere gut ausgebildete, tierärztliche Therapeuten eine große Rolle. Hier ist eine gute Zusammenarbeit von Kliniken und auf Rehabilitation spezialisierten Praxen wünschenswert.

Integratives Reha-Konzept

Besonders gute Ergebnisse wurden in meiner Praxis mit einem integrativen Reha-Konzept erzielt, das nachfolgend beispielhaft vorgestellt wird:

Vorbericht: Es handelt sich um eine 5-jährige, kastrierte Galgomix-Hündin, die aufgrund eines Bandscheibenvorfalls Th13/L1 am 19.06.2021 mittels Hemilaminektomie in einer Tierklinik operiert wurde. Sie wurde am 21.06.2021 mit kompletter Paraplegie der Hintergliedmaßen entlassen. Die Prognose hinsichtlich des Wiederlangens der Gehfähigkeit wurde als vorsichtig eingestuft. Zum Schmerzmanagement hat sie Schmerzmittel- und Magenschutz erhalten und wurde auch mit entsprechender Medikation aus der Klinik entlassen.

Befunde bei Erstuntersuchung am 03.07.2021: Die Patientin zeigte eine Paraparese bis -plegie bei ansonsten gutem Allgemeinbefinden. Die Korrekturreaktionen waren beidseitig ausgefallen, der Tiefenschmerz hgr. reduziert bis abwesend, die spinalen Reflexe waren aber auslösbar. Sie war zum Zeitpunkt der Aufnahme Kot- und Harninkontinent.

Rehabilitation: Die Therapie wurde auf folgende Säulen aufgebaut: konventionelles Schmerzmanagement, allgemeine Managementmaßnahmen, Akupunktur, PEMF Therapie, Osteopathie, Hydrotherapie im Unterwasserlaufband, Physiotherapie, Hausaufgaben. Bis zum Wiedererlangen der Gehfähigkeit an Land wurde die Patientin zweimal wöchentlich, später alle 5 Tage, dann alle 7 Tage behandelt (Tab.1).

Die Hündin blieb trotz Therapiemaßnahmen ca. 4 Wochen in den Hinterbeinen vollständig gelähmt und benötigte umfassende Pflege. Dann setzte aber glücklicherweise eine kontinuierliche, deutliche Besserung ein. Trotz der anfangs vorsichtigen Prognose konnte diese Patienten innerhalb von 6 Monaten wieder die volle Gehfähigkeit erlangen und ist mittlerweile in der Lage, Spaziergänge von über 60 Minuten zu absolvieren."

Tierärztin Sonja Schirmer, Hamburg

Allgemeine Managementmaßnahmen

Die Patientin wurde im paraplegischen Zustand von den Tierhaltern weich gebettet, mit Windeln versorgt und zur Dekubitusprophylaxe regelmäßig umgelagert. Futter und Wasser wurden in erreichbarer Entfernung platziert. Sie wurde zudem mehrfach täglich aufgestellt und in den Park getragen, um sich zu lösen. Auch wurden kontrollierte Sozialkontakte zu bereits bekannten, ruhigen Artgenossen ermöglicht. Die Blase musste anfangs manuell ausgedrückt werden. Die Hündin hat zum späteren Zeitpunkt eine Gehhilfe für die Hinterhand und Pfotenschuhe erhalten, um Mobilität zu ermöglichen und Verletzungen durch Pfotenschleifen zu verhindern. Das Treppen steigen, Springen und Toben wurden unterbunden. Eine Auslastung und Beschäftigung erfolgte über Intelligenzspiele.

Akupunktur

Eine zentrale Rolle in der Rehabilitation dieser Patientin spielte die Akupunktur, welche nach den Regeln der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) als Kombination aus Elektro- und Laserakupunktur durchgeführt wurde. Die TCM ist eine mehrere tausend Jahre alte Therapiemethode, die den Energiefluss entlang der Meridiane (Energieleitbahnen) optimiert. Laut neueren Studien entsprechen die Meridiane der TCM vielfach myofaszialen, kinetischen Linien. Die Akupunkturpunkte selbst weisen histologisch eine erhöhte Dichte an freien Nervenendigungen und eine erhöhte elektrische Leitfähigkeit auf. Die Wirksamkeit der Elektroakupunktur bei der Therapie von Lähmungen konnte erfolgreich nachgewiesen werden. In der Kleintierpraxis hat sich die komplett schmerzfreie Laserakupunktur sehr bewährt.

Als Diagnose wurde bei der Hündin eine Qi und Blut Stagnation und eine Nieren Qi Leere diagnostiziert und folgende Akupunkturpunkte zur Therapie gewählt (siehe Tab. 2). Die gelähmte Patientin hat sehr eindrucksvoll auf die Akupunktur reagiert. Sie hat bereits bei den ersten Sitzungen während der Behandlung Reflexe und Spontanbewegungen der Hinterbeine gezeigt.

PEMF Therapie (Pulsierende Magnetfeldtherapie)

Um die Regeneration anzuregen und zu beschleunigen wurde lokal ein pulsierendes Magnetfeld mit therapeutisch wirksamer Stärke (Equitron pro mobile Ò) angewendet. Die pulsierende Magnetfeldtherapie wirkt nachweislich positiv auf die Heilung, da eine Modifikation der Genexpression stattfindet und z.B. die zur Regeneration dringend benötigten Proteine in der Zelle synthetisiert werden. Sie lindert zudem Schmerzen und Entzündungen.

Osteopathie

Die Patientin hat zusätzlich regelmäßig eine osteopathische Therapie erhalten, um die Balance des Körpers wieder herzustellen. Bei einem in der Hinterhand gelähmten Patienten kommt es zwangsläufig zu massiven Gewichtsumverteilungen, da vermehrt Gewicht auf die Vorderbeine verlagert wird. Für dieses zusätzliche Gewicht sind die Vordergliedmaßen leider nicht konstruiert und somit werden diese überlastet, Muskeln verspannen. Schonende, osteopathische Techniken z.B. aus der Kraniosakralen Therapie können auch bei Bandscheibenpatienten sehr gut angewendet werden, ohne das Risiko der Verschlechterung ihrer Situation.

Hydrotherapie im Unterwasserlaufband

Die Hündin hat ab dem 21. Tag post Op im Unterwasserlaufband trainiert. Anfangs wurde mit einem hohen Wasserstand gearbeitet, da sie an Land oder bei niedrigem Wasserstand nicht stehfähig war. Durch den Auftrieb war es ihr möglich im Unterwasserlaufband zu stehen. Zu Anfang wurde das Training auf Steh- und Gleichgewichtsübungen ohne eine eigentliche Fortbewegung beschränkt. Nach drei Trainingseinheiten konnte mit dem „passive Setzen“ der Hinterbeine bei langsam laufendem Laufband begonnen werden. Hierbei findet eine Anregung der CPG (central pattern generator, zentraler Mustergenerator) auf Rückenmarksebene statt, und der Patient kann das Laufen leichter wiedererlernen. Die Hündin machte ihre ersten eigenen Schritte nach der 6. Trainingseinheit. Sie trainierte Motorik, Muskulatur, Koordination und Ausdauer in den nächsten 3 Monaten und absolvierte 2 Trainingseinheiten die Woche. Der Wasserstand konnte im Laufe des Trainings wieder abgesenkt werden, wodurch mehr Last auf die Hintergliedmaßen gebracht wurde.

Physiotherapie und Hausaufgaben

Anfangs hat die Hündin täglich ein passives Bewegungstraining durch den Tierhalter (nach Anleitung) erhalten: Passive Bewegung der gesamten Gliedmaße, Stretching um Kontrakturen vorzubeugen, Massage der Pfoten mit dem Igelball, Auslösen des Flexorreflexes, Radfahren mit den Hinterbeinen. Nachdem sie wieder steh- und gehfähig war, wurde das Programm ausgeweitet um Übungen auf dem Wackelbrett, Balancekissen, Trampolin, Slalom um Hütchen und niedrige Cavaletti.

Verlauf und Ergebnis

Anfangs zeigten sich die Erfolge nur in winzigen Schritten. Die Hündin blieb trotz Therapiemaßnahmen ca. 4 Wochen in den Hinterbeinen vollständig gelähmt und benötigte umfassende Pflege. Dann setzte aber glücklicherweise eine kontinuierliche, deutliche Besserung ein. Trotz der anfangs vorsichtigen Prognose konnte diese Patienten innerhalb von 6 Monaten wieder die volle Gehfähigkeit erlangen und ist mittlerweile in der Lage, Spaziergänge von über 60 Minuten zu absolvieren. Die Reflexe der Hintergliedmaßen sind wieder voll hergestellt. Sie absolviert immer noch regelmäßig ihre Hausaufgaben. Dieses Patientenbeispiel zeigt eindrucksvoll, welche Ergebnisse mit einer integrativen Rehabilitation möglich sind und wie die Lebensqualität von Patienten positiv beeinflusst werden kann. Die Patientin wurde bis zum 20.06.2022 nachbeobachtet und ist vom Zustand stabil, lediglich das Gangbild ist leicht ataktisch geblieben.

Für mehr Informationen können Literatur und weitere Informationen bei der Autorin angefordert werden.