Akupunktur für Katzen

Die Akupunktur ist ein Teilgebiet der traditionellen, chinesischen Medizin (TCM) und wird schon seit mehreren, tausend Jahren in China unter anderem an Tieren praktiziert. Es handelt sich um einen ganzheitlichen, gesundheitsorientierten Ansatz.

Die therapeutischen Interventionen dienen dazu, die Selbstregulation und Selbstheilungskräfte des Körpers anzuregen und diesen dazu zu befähigen, sich gesund zu erhalten oder gesund zu werden. Gerade der Prävention wird dabei eine große Beachtung geschenkt. Therapiekonzepte mit diesem Ansatz entsprechen dem Salutogenese-Konzept von Aaron Antonovsky und beschreiben einen Entwicklungs- und Erhaltungsprozess von Gesundheit. Gesundheit wird bei diesem Konzept nicht als Zustand, sondern als Prozess verstanden. Zwischen Krankheit und Gesundheit bestehen fließende Übergänge. In der modernen Tierarztpraxis eignet sich die traditionelle, chinesische Medizin insbesondere zur Therapie von chronischen Erkrankungen und Pathologien, bei denen auch die Schulmedizin an ihre Grenzen kommt.

Die Kernidee von Gesundheit in der TCM ist das freie Fließen des Qi, der Lebensenergie in den Meridianen (Energieleitbahnen). Krankheit entsteht da, wo das Qi nicht frei zirkulieren kann. Eine Stagnation kann auch zu Schmerzen führen. Die Behandlung erfolgt durch das Setzen und Stimulieren der Akupunkturnadeln an den Akupunkturpunkten, wodurch das Qi wieder in den Fluss kommt. Neben Akupunkturnadeln wird auch Moxa (Beifußkraut) zur Behandlung der Akupunkturpunkte und Meridiane eingesetzt. Ergänzend können Kräuterrezepturen und bestimmte Nahrungsmittel verordnet werden.

Während sich die Akupunktur in China als reine Erfahrungsheilkunde entwickelt hat, steht sie heute regelmäßig im Mittelpunkt wissenschaftlicher Forschung. Es gibt mittlerweile einige Untersuchungen, die eine Wirksamkeit der Akupunktur belegen, wenn auch sicher noch einiges an Forschungsbedarf besteht. Es konnten unter anderem Effekte auf das autonome Nervensystem, Blutdruck und das Immunsystem nachgewiesen werden.

Grundsätzlich können Katzen in allen Lebens- und Erkrankungsphasen mit Akupunktur begleitet werden. Als Indikator für die Aussicht auf einen Behandlungserfolg gilt in der traditionellen, chinesischen Medizin der Status der Lebensenergie."

Sonja Schirmer, Hamburg

Wir wissen heute, dass die Meridiane, auf denen die Akupunkturpunkte lokalisiert sind, anteilig mit myofaszialen, kinetischen Linien („Myofasziale Meridiane“) übereinstimmen und eine Vielzahl von Akupunkturpunkten mit Kreuzungspunkten von Faszien korrelieren. Es existieren Untersuchungen bei denen der Verlauf der Meridiane zumindest anteilig durch Fluorescein oder weitere Tracer nachgewiesen wurde. Rein histologisch weisen Akupunkturpunkte eine erhöhte Dichte an Rezeptoren, Blutgefäßen und Nerven auf.

15,7 Millionen Katzen

Die Katze ist mit ca. 15,7 Millionen Exemplaren das beliebteste Haustier in Deutschland noch vor Hunden und kleinen Heimtieren. Katzen erfüllen heute für Ihre Tierhalter:innen die Funktion von vollwertigen Familienmitgliedern. Mit zunehmender Akzeptanz bei der Behandlung beim Menschen, fragen immer mehr Halter:innen nach einer Akupunktur-Behandlung für Ihre Katzen. Sie suchen dann meist qualifizierte Therapeut:innen, die sich mit Katzen und ihren Eigenschaften auskennen. Ein Vorteil einer Akupunktur-Behandlung für Katzen ist die Tatsache, dass Katzen ungern Medikamente einnehmen und die Eingabe mit einigen Schwierigkeiten verbunden sein kann. Da Akupunkturnadeln ebenfalls häufig nicht so gut von Katzen toleriert werden, kann ein medizinischer Akupunkturlaser zur Stimulation der Akupunkturpunkte sehr gute Dienste leisten. Mit der Laserakupunktur lassen sich die meisten Katzen bestens behandeln, da sie schmerzfrei und wenig invasiv ist. Gerade bei Katzen sollte man nicht zu viele Akupunkturpunkte auswählen und sich auf gut zugängliche Punktelokalisationen z.B. am Hals und Rücken konzentrieren. Die allermeisten Katzen lassen sich mit etwas Geschick ausgesprochen gut behandeln. Die Häufigkeit der Behandlung richtet sich nach der Pathologie und kann zwischen zwei Behandlungen die Woche und einer Behandlung alle paar Monate schwanken.

5-Elemente-Lehre

Die Auswahl der zu behandelnden Akupunkturpunkte erfolgt nach den Prinzipien der traditionellen, chinesischen Medizin, wozu eine Diagnose nach ihren überlieferten Regeln gestellt wird. Eine Säule dieser ist die 5-Elemente-Lehre in der u.a. die Konstitutionstypen ihre Entsprechungen in den Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser finden. Eine weitere Säule ist das Prinzip von Yin und Yang. Es entstammt der chinesischen Philosophie des Daoismus und steht für zwei gegensätzliche Polaritäten. In der ursprünglichen Bedeutung steht das Yang für die sonnige Seite des Berges und das Yin für die schattige Seite. Ein Ungleichgewicht zwischen Yin oder Yang führt zur Krankheit.

Für die Diagnose wird der gesamte Körper, einige diagnostische Akupunkturpunkte, aber ganz besonders der Puls und die Zunge des Patienten, untersucht. Gerade die Zungendiagnose erfordert bei Katzen oft etwas Geduld, denn jegliche Manipulation verändert die Farbgebung der Zunge. Damit eine realistische Interpretation möglich ist, sollte die Zunge im Idealfall von der Katze freiwillig z.B. beim Putzen gezeigt werden. Der Puls wird analog zur Schulmedizin an der A. femoralis getastet. Der Therapeut beurteilt, ob sich der Patient in einem Fülle- oder Leere-Zustand befindet und welche Organe bzw. Meridiane vornehmlich betroffen sind.

Häufige Indikationen für den Einsatz der Akupunktur bei der Katze sind:

  • chronische Erkrankungen des Bewegungsapparates wie z.B. Arthrosen, Spondylosen, Discusprolaps
  • chronische, internistische Erkrankungen wie z.B. Inflammatory Bowel Disease (IBD), Megacolon, chronische Niereninsuffizienz (CNI)
  • neurologische Erkrankungen wie z.B. das Orofasziales Schmerzsyndrom (FOPS), Epilepsie
  • onkologische Erkrankungen
  • dermatologische Erkrankungen
  • nach Operationen, in der Rehabilitation
  • bei spezifischen und unspezifischen Schmerzen
  • bei „austherapierten“ Patienten
  • präventiv bei ansonsten gesunden Katzen (insbesondere bei Senioren), Kitten

Möglichkeiten und Grenzen einer Akupunktur-Behandlung

Grundsätzlich können Katzen in allen Lebens- und Erkrankungsphasen mit Akupunktur begleitet werden. Als Indikator für die Aussicht auf einen Behandlungserfolg gilt in der traditionellen, chinesischen Medizin der Status der Lebensenergie. Diese wird traditionell als „Shen“ (= Geist) bezeichnet. Als Spiegel des Shen gelten die Augen des Tieres und ihre vitale Ausstrahlung. Die Erfolgsaussichten sollten grundsätzlich fair mit den Tierhalter:innen kommuniziert werden. Je nach Ausprägung der Erkrankung im Einzelfall sollten selbstverständlich weitere ganzheitliche Therapieformen oder auch die Schulmedizin parallel zum Einsatz kommen. Die Akupunktur ist hierbei sehr gut kombinierbar, und es kommt in der Regel nicht zu Wechselwirkungen mit anderen Therapien. Absolute Kontraindikationen gibt es kaum in der TCM, natürlich sollte die Behandlung immer mit dem Tierschutzgedanken vereinbar sein. Zu einem gewissen Prozentsatz werden erfahrungsgemäß Patienten vorgestellt, deren Besitzer:innen in der Akupunktur die „letzte Chance“ auf Heilung sehen und sich an diese Wunschvorstellung klammern. Hier sollte natürlich das Tierwohl an erster Stelle stehen und wenn erforderlich eine Euthanasie angeraten werden.

Vorgehen in der Praxis bei Katzen

Die Eigenarten von Katzen erfordern vom Therapeuten mehr Flexibilität, Improvisation und Schnelligkeit, als Pferde und Hunde dies tun. Je entspannter die Katze bei der Therapie ist, desto besser werden die Behandlungsergebnisse sein. Um dies zu erreichen, muss man ggf. Routinen durchbrechen und Untersuchungen und die eigentliche Behandlung eventuell anders durchführen als sonst üblich. Bei der Behandlung selbst sollte die Katze möglichst nicht stark fixiert werden, was sie ansonsten mit Abwehr beantworten würde. Die gesamte Diagnostik und die Behandlung sollten zügig und zielgerichtet erfolgen, damit die Katze nicht die Geduld verliert. Eine gewisse Erfahrung und Übung in den genutzten Techniken sind hierbei unbedingt notwendig.

Fotos

Lennox, ein Russisch Blau Kater, geb. 2008, der seit 2019 in Akupunktur Behandlung ist. Grund hierfür ist eine Spondylose Th12/13/L1, L7/ S1. Er leidet außerdem an einer IBD (Inflammatory Bowel Disease). Lennox wird alle 4 Wochen mit Laserakupunktur und chinesischen Kräutern behandelt, wodurch sich sein Zustand sehr stabilisiert hat und er weniger schulmedizinische Medikamente benötigt.

Zungendiagnose nach Kriterien der TCM Fotocredit: Katers Köök- veganes Deli & Katzencafe

Literatur

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