Sabine Schroll - Katzenflüsterin aus Krems

Portrait Andreas Moll
von Andreas Moll – 03.11.2020

Tierärztin Sabine Schroll residiert in der schönen an der Donau gelegenen Stadt Krems, deren Altstadt übrigens zum UNESCO-Welterbe Kulturlandschaft Wachau gehört. Die TierbesitzerInnen, die die Expertin wegen gesundheitlicher und verhaltensmedizinischer Probleme ihrer Katzen aufsuchen, haben in der Regel jedoch kein Interesse an der Schönheit der Stadt und der Region. Sehr oft ist Sabine Schroll nach einer langen Leidenstour die letzte Hoffnung, ihren Lieblingen helfen zu können. Doch was macht diese Tierärztin so besonders.

Ausbildung mit Bestnoten und in Rekordzeit

Ihre Ausbildung hat sie in Wien genossen. Mit Bestnoten hat sie in Rekordzeit ihr Studium abgeschlossen, drei Jahre in der Großtierpraxis gearbeitet, um danach in einer Wiener Tierklinik einen Job anzunehmen, „der von Sklaverei nicht weit entfernt war“. „Gelernt habe ich dort alles, was ich niemals mehr in meinem Berufsleben umsetzen werde“, sagt Schroll heute. Nach sieben Wochen schmiss sie das Handtuch, war erstmals in ihrem Leben arbeitslos und hospitierte im Rahmen eines „Akademikertrainings“ bei einem Kleintierpraktiker in Wien, bei dem sie lernte, Katzenkastrationen in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit und winzig kleinen Löchern durchzuführen. „Doch leider habe ich in dieser Zeit den Kontakt zu den Patienten verloren“, so die Tierärztin, „obwohl das doch der Grund meines Studiums war.“ Zudem war sie frustriert über die Entwicklung, die Methoden und Möglichkeiten der hochspezialisierten Diagnostik über den gesunden Tierarztverstand, bzw. das fachliche Wissen zu stellen. „Danach habe ich meine Lebensversicherung zu Geld gemacht und eine 15-monatige Auszeit genommen, um zu Fuß durch die USA zu wandern“, erklärt Schroll mit einem zufriedenen Lächeln. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens!“

Die Patientenhalter nehmen durchschnittlich 1,5 bis 2 Autostunden in Kauf, um ihre Katzen in Krems behandeln zu lassen - bepackt mit den Vor- und Untersuchungsberichten, einer Zeichnung der Wohnsituation mit allen Ressourcen der Katze und Videos der Vierbeiner."

Sabine Schroll, Verhaltensmedizinerin

Die neue Praxis in Krens: Liebe auf den ersten Blick

Es hätte auch ohne weiteres passieren können, dass Sabine Schroll der Tiermedizin den Rücken gekehrt hätte. Doch nach ihrer Rückkehr war ihr klar, dass „ich im Rest meines Lebens noch ein bisschen was tun muss“. Um Geld zu verdienen half sie einer Freundin stundenweise in deren Tierarztpraxis und gab darüber hinaus Vorlesungen an der Uni in Wien. Eine ausgefallene Vorlesung, über die sie nicht informiert wurde, zwei vollkommen unnütze Stunden im Auto und eine gehörige Portion Wut haben sie zur Entscheidung gebracht, eine eigene Katzenpraxis im Krems zu gründen. Klein sollte sie sein und wenig kosten. Ein Anruf beim Immobilenmakler, ein Angebot für das passende Objekt, eine Besichtigung und Liebe auf den ersten Blick – die Entscheidung war gefallen. „Wichtig war das Tageslicht von rechts, die Lage in einem Wohngebiet und die geringen Fixkosten“, sagt Schroll, „so dass es völlig egal war, wie viele Kunden den Weg in ihre Katzenpraxis finden würden.“

Die Bedenken waren sinnlos, denn die Praxis lief von Anfang an. Die Patientenhalter nehmen durchschnittlich 1,5 bis 2 Autostunden in Kauf, um ihre Katzen in Krems behandeln zu lassen - bepackt mit den Vor- und Untersuchungsberichten, einer Zeichnung der Wohnsituation mit allen Ressourcen der Katze und Videos der Vierbeiner. Ein hoher Anteil ihrer KundInnen holen sich bei ihr eine zweite Meinung, viele Patienten sind bereits durchdiagnostiziert und setzen ihre letzte Hoffnungen in die Arbeit der Expertin.

Sollverstecke für die Patienten

Die richtete ihre Praxis vollkommen auf ihre tierärztlichen Bedürfnisse und die ihrer Patienten ein. „Erst einmal ist es wichtig, dass es hier absolut sauber ist und dass es keine Hunde gibt, die die Katzen in Stress bringen könnten“, erklärt die Expertin. Katzen und Menschen müssen sich bei mir wohlfühlen.“ Schroll hat viele Sollverstecke in dem 60 Quadratmeter großen Raum eingerichtet, in die sich die Katzen zurückziehen können, ohne sie bei ihrer Arbeit zu handicapen. Hier fühlen sich die Katzen wohl und dürfen bleiben, bis sie geholt und untersucht werden.

Wunder bei der Untersuchung wirkt übrigens ein Buchenholzstäbchen gestrichene Leberpastete, die Patient „Sunny“ hingebungsvoll ableckt."

Sabine Schroll, Verhaltensmedizinerin

„Na, was fehlt Dir denn?“, fragt Sabine Schroll ihre Patienten.

Die Tierärztin vergibt Termine, eine Konsultation dauert 30 bzw. 60 Minuten, denn „das ist die Zeit, die man einfach braucht mit Katzen, um diese gut betreuen zu können“. Bei jeder Verhaltenskonsultation werden die Katzen klinisch begutachtet, weil Sabine Schroll „vieles sieht, was die KollegInnen nicht erkennen“. Sie wünscht sich, dass ihre Kolleginnen ihre Katzenpatienten ausgiebig untersuchen, und in erster Linie ihre Arbeit über den Kontakt zum Tier und nicht an den Laborwerten ausrichten. Viele TierärztInnen machten eine gute Arbeit in Diagnostik und Therapie, was aber oft fehle, ist der unmittelbare Kontakt zur Katze. „Bei aller Medizin wird der Patienten oft vergessen“, resümiert sie.

Damit die Katzen auf dem Behandlungstisch sitzen bleiben und sich untersuchen lassen, „baut“ sie einen Deckenkringel. „Katzen lieben Begrenzungen, fühlen sich sicher und lassen den Tierarzt dann auch an sich heran“, erklärt Schroll, „und außerdem gibt er mir Sicherheit, falls der Patient tatsächlich einmal beißen sollte.“ Wunder wirkt übrigens ein Buchenholzstäbchen geschmierte Leberpastete, die Patient „Sunny“ hingebungsvoll ableckt. „Ich mag sehr viele meiner Katzen, die ich teilweise 15 – 20 Jahre lang betreue“, so Schroll, „das macht mehr Spaß als nur Laufkundschaft zu sehen, was ja bei vielen Kliniken der Fall ist.“

Entzückende kleine Micky-Maus-Welt

Sie sagt, sie lebe in einer entzückenden kleinen Micky-Maus-Welt und habe nur eine periphere Ahnung von der Klinikwelt da draußen. Das Wissen um die Welt der Katzen und die wahnsinnige Erfahrung im Bereich der Katzenmedizin machen Sabine Schroll jedoch zu einer gefragten Expertin. Sie hält Vorträge und Seminare für TierärztInnen, kümmert sich um die Fortbildung rund um die Katzenprodukte der Fressnapf-Mitarbeiter ihres Heimatlandes, kooperiert mit Pharmaunternehmen, berät KollegInnen bei schwierigen Fällen und hospitiert in Kliniken und Praxen, um vor Ort katzengerechte Arbeitsabläufe zu erarbeiten. In jedem dieser Aufgabenbereiche kann sie ihre Philosophie, dass die richtige Einstellung zur Behandlung von Katzen im Kopf jedes einzelnen Tierarztes beginnt, einfließen lassen. „Wer die innere Haltung verändert, findet auch schnell den Zugang zum Patienten“, so Schroll.

Sabine Schroll achtet sehr genau darauf, dass der Stress in ihrem Leben nicht Überhand nimmt. Im Rahmen ihrer Verhaltensmedizin-Ausbildung in Frankreich hat sie sehr viel gelernt, am meisten jedoch verinnerlicht, dass das Wohlbefinden des Therapeuten ganz oben auf der Prioritätenliste steht. “Wenn es dem Tiermediziner nicht gut geht, kann er sich das nicht mehr anhören“, erklärt sie. Viele Kolleginnen würden viel zu lange das tun, was ihnen nicht gut tut, und das sei sicherlich einer der wesentlichen Gründe, warum diese dann schlechte Tiermedizin machen. Sabine Schroll hat schnell gelernt, sich von allem, was sie in der Berufswelt stört, zu trennen. Konsequent. Und wenn sie, die über sich sagt, ihre Social Skills wären begrenzt, Ruhe von Arbeit und Patientenbesitzern braucht, nimmt sie sich eine Auszeit, geht in ihr Tarnzelt, beobachtet Vögel und macht bemerkenswerte Fotos.

Nach diesen Auszeiten widmet sie sich dann wieder mit voller Energie ihrem Job – streng nach der Devise, dass man eine Katze so behandeln sollte, dass man sich mit gutem Gewissen im nächsten Leben bei vertauschten Rollen begegnen kann.