prcd-PRA beim Hund: Erblindung vermeiden - Erkenntnisse aus zwei Jahrzehnten genetischer Testung
Die Progressive Retinaatrophie (PRA) stellt eine Gruppe erblicher Augenerkrankungen dar, die durch eine fortschreitende Degeneration der Netzhaut (Retina) gekennzeichnet sind und letztlich zur vollständigen Erblindung führen. Bei der Progressiven Retinaatrophie vom Typ prcd-PRA kommt es zunächst zu einer Funktionsstörung der Stäbchen, die primär für das Dämmerungs- und Kontrastsehen verantwortlich sind, was sich klinisch in einer zunehmenden Nachtblindheit sowie einer verminderten Anpassungsfähigkeit des Sehvermögens äußert. Im weiteren Krankheitsverlauf werden auch die Zapfen (Farbsehen, Sehen bei Tageslicht) in Mitleidenschaft gezogen, sodass es schließlich zur vollständigen Erblindung kommt. Die klinischen Symptome treten häufig bereits im jungen Alter auf, wobei der Zeitpunkt des Krankheitsbeginns und das Fortschreiten der Erkrankung zwischen den einzelnen Hunderassen variieren können.
Es sind zahlreiche Rassen bekannt, in denen die prcd-PRA auftreten kann (Clark 2023). Dazu zählen unter anderem Lapphunde, Retriever, Cocker Spaniels, Schnauzer sowie Wasserhunde und viele weiteren Rassen. Züchtungen mit Ursprung in diesen Rassen, z.B. Cockapoo und Labradoodle, können Träger der Variante sein. Durch Gentestung und gezielte Verpaarung konnten erhebliche Fortschritte im Kampf gegen diese Erkrankung erreicht werden. Hier können Tierärzt:innen bei der Beratung der Züchtenden eine wichtige Rolle spielen.
Genetische Ursache und Vererbung der prcd-PRA
Vor 20 Jahren entdeckte ein Forschungsteam, dass die Veränderung einer einzelnen Nukleinbase (Guanin zu Adenin) im PRCD-Gen auf Chromosom 9 ursächlich für das Auftreten der prcd-PRA ist. Die Krankheit trat allerdings nur auf, wenn die Variante homozygot (von beiden Eltern vererbt) vorlag (Zangerl 2006). Das PRCD-Gen codiert ein Protein, das in intaktem Zustand an die Membranscheiben in den Außensegmenten von Stäbchen und Zapfen, den Lichtsinneszellen im Auge, bindet (Allon 2019). Dort ist es mit verantwortlich für die langfristige Lebensfähigkeit dieser Photorezeptoren (Spencer 2019). Beim homozygoten Genotyp kann das Protein seine Funktion nicht mehr ausreichend erfüllen, was auf Dauer zur Retinaatrophie führt.
Die genetische Ursache der prcd-PRA ist also eine Veränderung (Variante) in der DNA. Als autosomal-rezessiv vererbte Krankheit treten Symptome nur dann auf, wenn ein Tier die Variante von beiden Eltern geerbt hat. In der Genetik wird das unveränderte Allel (der Wildtyp) mit „N“ (von „normal“) bezeichnet, die krankheitsauslösende Variante mit „PRA“. Ein gesundes Tier zeigt den Genotyp (die Kombination der beiden Allele von Mutter und Vater) „N/N“. Trägertiere mit dem Genotyp „N/PRA“ haben die Variante entweder von der Mutter oder vom Vater geerbt. Erbt ein Tier die für prcd-PRA ursächliche Variante von beiden Elternteilen, zeigt es den homozygot betroffenen Genotyp „PRA/PRA“.
Die genetische prcd-PRA Variante ordnet sich wie andere rezessiv vererbte Erkrankungen auch dem Wildtyp unter. Trägertiere (N/PRA) haben daher keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu fürchten. Diese Tiere können weitestgehend bedenkenlos mit in der Zuchtpopulation verbleiben, sollten jedoch nur mit Tieren verpaart werden, deren Genotyp frei (N/N) von der prcd-PRA Variante getestet wurde. Ein genetisch betroffener Hund (PRA/PRA) kann vor dem klinischen Ausbruch der Erkrankung mit einem genetisch freien Partner (N/N) verpaart werden. In diesem Fall entstehen zu 100 % Trägerwelpen (N/PRA), bei denen wie beschrieben keine gesundheitlichen Einschränkungen zu erwarten sind.
Ein naheliegender Gedanke wäre, alle Tiere mit der prcd-PRA Variante aus der Zucht zu entfernen, um die Krankheit vollständig zu eliminieren. Doch das hätte schwerwiegende Folgen. Es würde die genetische Diversität verringern und das Risiko für Inzuchtdepression erhöhen. Diese kann zu Problemen wie verminderter Fruchtbarkeit, schwächerer Immunabwehr und geringerer Robustheit führen. Stattdessen ist es nachhaltiger, die Häufigkeit der Variante schrittweise zu reduzieren und vor allem zu vermeiden, dass homozygot betroffene Tiere (PRA/PRA) entstehen. Eine einfache Regel hilft dabei: Mindestens ein Elternteil sollte den Genotyp N/N aufweisen. So entstehen im schlechtesten Fall Trägertiere (N/PRA), die selbst keine Symptome zeigen.
Verbesserte genetische Testungen
In den letzten 20 Jahren haben sich die Möglichkeiten der genetischen Testung stark verbessert. Tests sind heute schneller, günstiger und einfacher verfügbar. Zusätzlich zur Variante der prcd-PRA wurden auch viele weitere Varianten für erbliche Formen der PRA beschrieben, welche in unterschiedlichen Rassen verschiedene Relevanz besitzen. Genetische Tests sind somit gezielt und mit dem nötigen Wissen anzuwenden. Damit steht Züchtenden ein Werkzeug zur Verfügung, mit dem sie potenzielle Elterntiere vor der Verpaarung auf Erbkrankheiten untersuchen können, unabhängig vom Auftreten der Krankheit selbst. Ob und in welchem Umfang sich ein solches Vorgehen in der Züchterschaft über die letzten Jahrzehnte etabliert hat, lässt sich anhand der umfangreichen Datensätze zeigen, die genetische Fachlabore wie LABOKLIN kontinuierlich erheben.
Der Labrador Retriever zählt seit vielen Jahren zu den beliebtesten Hunderassen weltweit. Die Beliebtheit spiegelt sich auch in den Probenzahlen der Tiere wider, für die die prcd-PRA Variante bei LABOKLIN untersucht wurde. Über 25.000 Tiere wurden seit 2007 analysiert, wobei die Ergebnisse einen sehr guten Querschnitt der verschiedenen Zuchtpopulationen der Rasse insgesamt für Europa darstellen. Die Daten zeigen, dass der Anteil an heterozygoten Trägern seit 2012 kontinuierlich sinkt, während der prozentuale Anteil der homozygot betroffenen Tiere annähernd stagniert (Abb. 2). Besonders beeindruckend ist die Senkung der Trägertiere von über 25 % zu Beginn der Analysen auf unter 10 % im Jahr 2025. Dies ist ein Erfolg, der durch Aufklärung, technischen Fortschritt und eine engagierte Züchterschaft erreicht wurde. Ideal wäre es, wenn durch aktive Zuchtpraktiken der Genotyp PRA/PRA und damit die häufigste genetisch bedingte Form der PRA-Erkrankung gänzlich vermieden werden könnte.
Auch beim Golden Retriever zeigt sich eine positive Entwicklung (siehe Abb. 3). Mit über 10.000 getesteten Tieren sank die Rate der Träger in der Population deutlich schneller als beim Labrador. In den letzten 10 Jahren wurden keine betroffenen Tiere mehr gefunden, und die Trägerquote liegt stabil bei etwa 1–2 % der Gesamtpopulation. Beim English Cocker Spaniel halbierte sich der Anteil der Träger und betroffenen Tiere seit 2012 (Abb. 4). Dennoch kommen weiterhin betroffene Tiere vor, weshalb es empfohlen wird, Elterntiere vor der Zucht auf ihren prcd-PRA Status zu testen, um PRA/PRA Kombinationen auszuschließen.
Es zeigt sich bereits im Vergleich dieser drei Rassen, dass die prcd-PRA Variante unterschiedlich häufig vorkommt. Eine aktuelle Auswertung der Daten von 2024 und 2025 gibt einen Überblick über die Genotypenverteilung in 27 Hunderassen und Rassevarietäten. Dabei wurden nur Populationen berücksichtigt, bei denen mindestens 100 Tiere getestet wurden (Abb. 5).
Es gibt Rassen wie Chihuahua, Französische Bulldogge und Zwergschnauzer, bei denen in den letzten zwei Jahren ausschließlich freie Genotypen gefunden wurden. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Variante in keinem Tier der Rasse mehr vorkommt, aber die Wahrscheinlichkeit eines Trägers und insbesondere eines betroffenen Tieres ist extrem gering. Mit Ausnahme des Finnischen Lapphunds, des Nova Scotia Duck Tolling Retrievers und des Australian Cattle Dogs findet sich keine Rasse, bei der mehr als 25 % der Tiere Träger oder betroffen für die prcd-PRA Variante sind. Besonders erfreulich ist, dass die Zahl der homozygot betroffenen Tiere in allen Rassen sehr gering ist, da nur diese Tiere klinische Symptome entwickeln. Besonders in Rassen mit kleinen Zuchtpopulationen ist es weiterhin relevant, bewusst Träger-Träger-Verpaarungen zu vermeiden. Beim Schwedischen Lapphund sind aktuell 47 % der analysierten Tiere Träger der prcd-PRA Variante (siehe Grafik, Datengrundlage 2021-2025). Bei einer kleinen Population wäre ein Ausschluss der Träger riskant, da dies zu Inzuchtdepression und einem Verlust genetischer Diversität führen würde. Dennoch gelingt es durch gezielte Verpaarung mit freien Tieren, dass keine betroffenen Tiere gezüchtet werden. Dies unterstreicht, wie entscheidend konsequente genetische Testung und eine bewusste Zuchtplanung sind.
Take Home Message
Die Auswertung von fast zwei Jahrzehnten genetischer Testdaten zur prcd-PRA zeigt deutlich, dass verantwortungsvolle Zucht auf Basis genetischer Informationen wirkt. In allen betrachteten Rassen konnte die Häufigkeit der Variante reduziert und das Auftreten homozygot betroffener Tiere auf ein sehr niedriges Niveau begrenzt werden. In der tierärztlichen Praxis ist zu beachten, dass Progressive Retinaatrophien im Hund vielfältige genetische Ursachen haben können. Neben der prcd-PRA gibt es bei LABOKLIN über 50 weitere genetische PRA-Varianten, die je nach Rasse relevant sein können.
Literatur
- Allon, G., Mann, I., Remez, L., Sehn, E., Rizel, L., Nevet, M.J., Perlman, I., Wolfrum, U., Ben-Yosef, T. : PRCD is concentrated at the base of photoreceptor outer segments and is involved in outer segment disc formation. Hum Mol Genet 28:4078-4088, 2019. Pubmed reference: 31628458. DOI: 10.1093/hmg/ddz248.
- Clark, J.A., Anderson, H., Donner, J., Pearce-Kelling, S., Ekenstedt, K.J. : Global frequency analyses of canine progressive rod-cone degeneration-progressive retinal atrophy and Collie eye anomaly using commercial genetic testing data. Genes (Basel) 14:2093, 2023. Pubmed reference: 38003037. DOI: 10.3390/genes14112093.
- Spencer, W.J., Ding, J.D., Lewis, T.R., Yu, C., Phan, S., Pearring, J.N., Kim, K.Y., Thor, A., Mathew, R., Kalnitsky, J., Hao, Y., Travis, A.M., Biswas, S.K., Lo, W.K., Besharse, J.C., Ellisman, M.H., Saban, D.R., Burns, M.E., Arshavsky, V.Y. : PRCD is essential for high-fidelity photoreceptor disc formation. Proc Natl Acad Sci U S A 116:13087-13096, 2019. Pubmed reference: 31189593. DOI: 10.1073/pnas.1906421116.
- Zangerl, B., Goldstein, O., Philp, AR., Lindauer, SJ., Pearce-Kelling, SE., Mullins, RF., Graphodatsky, AS., Ripoll, D., Felix, JS., Stone, EM., Acland, GM., Aguirre, GD.: Identical mutation in a novel retinal gene causes progressive rod-cone degeneration in dogs and retinitis pigmentosa in humans. Genomics 88:551-563, 2006. Pubmed reference: 16938425. DOI: 10.1016/j.ygeno.2006.07.007.