Zwerghühner, Datenlücken und die Illusion vom Kuscheltier

Berlin, Berlin. Über den Dächern der Hauptstadt fühlt sich vieles weit weg an. Beim Purina-Event „Mutmacher auf vier Pfoten“ ging es jedoch um das Gegenteil, um das, was uns im Kern berührt und darum, warum wir im Gesundheitssystem noch immer vor verschlossenen Türen stehen, wenn es um tiergestützte Unterstützung geht. Purina hat zusammen mit dem Verein für Therapiebegleithunde Kinderschutzengel e.V. Anfang Mai auf das Dach des Humboldt Forums geladen. Bei bestem Wetter gab es Fancy Drinks, leckere Häppchen und dank Purina-Botschafterin Rebecca Mir, einen Hauch Promi-Vibes. Die Pro-7-Moderatorin führte durch den Abend und vorab den eigentlichen Star des Events an der Leine: Therapiebegleithund Merlin, ein Australian Shepherd, der die Herzen aller an diesem Abend im Sturm eroberte. Merlin demonstrierte den Grund der Veranstaltung: die Beziehung zwischen Mensch und Hund

Diese ganz besondere Beziehung ist weit mehr als nur Entzücken über Vierbeiner; sie ist eine gelebte Kraftquelle. Jacqueline Boy, Gründerin der Kinderschutzengel, erlebt das täglich bei ihren unermüdlichen Einsätzen auf Kinderstationen in Berlin und Brandenburg. Seit 2012 unterstützt sie ehrenamtlich pro Jahr über 1.000 schwerst- und chronisch kranke Kinder sowie deren Familien. Als einziger Verein deutschlandweit darf sie in die sensibelsten medizinischen Bereiche. Von der Blutabnahme bis zur Sedierung im OP schenken ihre Hunde Halt und Beruhigung. Gerade wenn nicht mehr zum Lachen ist, bringt der Hund das besondere Leuchten in die Augen der kleinen Patienten zurück. Eine, die die Kraft der Hunde durch ihre lange Krankengeschichte getragen hat, ist Malin Möller. Die 18-Jährige musste in den letzten 15 Jahren unzählige Operationen über sich ergehen lassen. Jacqueline und ihre Hunde waren in dieser Zeit ihr einziger Lichtblick. Auch Mutter Christine bestätigt, dass die Momente mit „Seelenhund“ Merlin oft die einzigen Augenblicke des Tages waren, in denen sie ihre Tochter lächeln sah.

Purina unterstützt die spendenfinanzierte Arbeit der Kinderschutzengel. Für Benedikt Schaumann (Head of Corporate Communications Purina) ist das Thema auch privat gesetzt: Beim Get-together erzählt er, wie glücklich seine Kinder mit ihren Tieren, besonders mit den fünf Zwerghühnern, die sich nur zu gerne streicheln lassen, sind. Seine Vision ist ambitioniert: Purina möchte bis 2030 europaweit eine Million Menschen durch tiergestützte Therapie erreichen.

Das Fundament: Wenn Daten Leben retten

Damit diese Vision kein bloßes Versprechen bleibt, braucht es ein wissenschaftliches Fundament. Hier kommt Prof. Dr. Andrea Beetz von der IU Internationale Hochschule in Erfurt ins Spiel, eine der weltweit führenden Expertinnen für Mensch-Tier-Bindung. Für das Event hat sie mit Purina eine Datenerhebung durchgeführt, die eine deutliche Lücke offenbart: 86 % der Eltern wünschen sich tiergestützte Therapie für ihre Kinder, aber nur 10 % bekommen sie. Beetz liefert die harten Fakten gegen das „Kuscheltier-Image“: Eine positive Bindung senkt nachweislich den Kortisolspiegel und flutet uns mit Oxytocin. Sie betonte aber auch die Grenzen: Ein Hund kann sich nicht selbst schützen. Er spiegelt unseren Stress und unsere Krankheit. Wer einen Hund unter zwei Jahren in diesen Job schickt, betreibt laut Beetz „Kinderarbeit“. Es braucht zum Schutz beider Seiten eine fundierte Ausbildung für das Mensch-Hund-Team. Hunde sind Partner mit eigenen Grenzen. Jacqueline Boy machte das an diesem Abend sichtbar: Merlin, der den ganzen Abend freudig begrüßt worden war, wurde mitten in der Veranstaltung abgeholt. Feierabend. Hund sein. Denn am Ende des Tages ist Merlin ein Partner mit eigenem Anspruch, keine Pille auf vier Pfoten und erst recht kein Kuscheltier.

Plüsch-Hunde und Daten-Lücken

Und dann gab es an diesem Abend doch noch ein paar echte Kuscheltiere: Vor der Fotowand wurde ausgiebig posiert, und im Anschluss durfte man sich sogar einen süßen Plüsch-Hund mit nach Hause nehmen. Im Gespräch mit Andrea Beetz und Rebecca Mir vor eben dieser Wand landeten wir schnell bei den Parallelen zu meinem Herzensthema, der Gendermedizin. Dass Rebecca Mir selbst um die beruhigende Kraft von Hunden weiß und sich mit ihrer Goldendoodle-Hündin Macchia nach einem stressigen Tag wunderbar entspannen kann, ist das eine. Das andere ist die strukturelle Datenlücke, die uns in beiden Welten begegnet. Ob in der Frauengesundheit, wo Frauen oft falsch behandelt werden, weil Daten an männlichen Durchschnittswerten geeicht sind, oder in der tiergestützten Therapie: Ohne fundierte Fakten fehlt uns die notwendige Orientierung für eine sichere Versorgung. Andrea, Rebecca und ich waren uns einig, wie entscheidend die Forschung in beiden Fällen ist. Auch Benedikt Schaumann nahm den Impuls mit: Nur durch gezielte Forschung können diese Themen die Aufmerksamkeit finden, die sie verdienen, um sie nachhaltig aus der „Spenden-Ecke“ in die verlässliche medizinische Praxis zu holen.

Mein Fazit: Schulterschluss aus Praxis und Wissenschaft

Der Abend über den Dächern von Berlin hat mir gezeigt, wie viel Kraft in der Mensch-Tier-Beziehung steckt, aber auch, dass Begeisterung allein kein System verändert. Damit aus bewegenden Einzelfällen verlässliche Versorgung wird, braucht es mehr als gute Absichten: evidenzbasierte Forschung, professionelle Strukturen und Menschen wie Jacqueline Boy, die Praxis jeden Tag mit Leidenschaft füllen. Erst wenn Erfahrung und Wissenschaft konsequent zusammenspielen, kann aus emotionalem Leuchten echte medizinische Relevanz werden.

Herzlichst,
 Ihre Frau Rindfleisch