Kaltplasmatherapie in der Tiermedizin: Antibiotika reduzieren und Heilung neu denken
Die Anforderungen an eine moderne Infektions- und Wundtherapie in der Kleintiermedizin steigen stetig. Multiresistente Keime, chronische Hauterkrankungen und schlecht heilende Wunden fordern neue, wirksame und zugleich schonende Behandlungsansätze. Mit der Kaltplasmatherapie steht Tierärzt:innen inzwischen eine physikalische Methode zur Verfügung, die genau hier ansetzt – und dabei hilft, den Antibiotikaeinsatz deutlich zu reduzieren. Kaltplasma ist ein teilweise ionisiertes Gas, das bei niedrigen Temperaturen angewendet wird und dadurch gewebeverträglich ist. Es enthält hochreaktive Spezies mit starker antimikrobieller Wirkung. Diese wirken unspezifisch, sodass keine Resistenzentwicklung entsteht – ein entscheidender Vorteil gegenüber klassischen Antibiotika. Auch Biofilme und multiresistente Erreger können effektiv adressiert werden.
„Wir arbeiten nicht antibiotisch – sondern physikalisch“
Welche Bedeutung diese Therapieform inzwischen im tierärztlichen Alltag hat, zeigte sich auch auf dem Leipziger Tierärztetag, wo das Thema Kaltplasma auf großes Interesse stieß. Im Gespräch betonte Tierarzt und Kaltplasma-Experte Dr. Michael Hiestand: „Wir arbeiten ja gar nicht antibiotisch. Kaltplasma ist eine physikalische Therapie mit einem völlig anderen Wirkprinzip – und genau das macht sie so wertvoll für die Zukunft der Tiermedizin.“ Die Nachfrage sei deutlich gestiegen, so der Experte weiter. Während früher häufig Grundlagen erklärt werden mussten, gehe es heute vielfach bereits um konkrete Therapieprotokolle, Indikationen und Unterschiede zwischen den verfügbaren Geräten. Besonders etabliert ist die Kaltplasmatherapie inzwischen in der Dermatologie. Infektiöse Hauterkrankungen bakterieller, mykotischer oder viraler Genese lassen sich gezielt behandeln – ebenso parasitäre Erkrankungen wie Demodikose. Tierärzt:innen fragen dabei vor allem nach der Tiefenwirkung: „Die entscheidende Frage ist: Wie tief kommen wir in die Haut? Können wir ohne Antibiotika auch tieferliegende Prozesse beeinflussen? Und das können wir – wenn die Plasmaquelle dafür geeignet ist.“
Auch in der Wundheilung spielt Kaltplasma eine zunehmend wichtige Rolle. Chronische, schlecht heilende oder infizierte Wunden profitieren von der antimikrobiellen Wirkung und der gleichzeitigen Stimulation der Zellkommunikation. Die Heilung verläuft strukturierter, die Narbenbildung wird reduziert. Aktuell laufen hierzu mehrere Studien, unter anderem in Italien, deren Ergebnisse in diesem Jahr erwartet werden.
Mehr als Desinfektion: Effekte auf Gewebe, Nerven und Gefäße
Ein wesentlicher Unterschied zwischen verschiedenen Kaltplasmageräten liegt in der Art der Plasmaerzeugung. Direkte Plasmaquellen können zusätzlich ein elektromagnetisches Feld erzeugen, das Effekte über die Hautoberfläche hinaus ermöglicht: „Damit erreichen wir nicht nur Hautzellen, sondern auch angrenzendes Gewebe, Muskeln und Nerven. Das eröffnet therapeutische Möglichkeiten, etwa bei chronischen Schmerzen, Narben oder orthopädischen Indikationen.“ Studien belegen zudem eine Angiogenese, also die Neubildung von Blutgefäßen – ein Effekt, der insbesondere in Narbengewebe oder schlecht durchbluteten Arealen klinisch relevant ist. Für den klinischen Einsatz ist neben der Wirksamkeit vor allem die Sicherheit entscheidend. Der PetCellpen® wurde am Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e.V. gemäß DIN SPEC 91315 geprüft. Diese Norm definiert Anforderungen an medizinische Plasmaquellen und umfasst physikalische, chemische und biologische Prüfparameter – von Temperatur und Ozonbildung bis hin zu antiseptischer Wirkung und Zytotoxizität.
Auch wenn dermatologische und wundheilungsbezogene Anwendungen derzeit im Vordergrund stehen, ist die Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen. In der Humanmedizin wird Kaltplasma bereits in weiteren Indikationsfeldern erforscht, etwa in der Onkologie. Die Tiermedizin folgt – wie so oft – mit zeitlichem Abstand. „Wir stehen erst am Anfang. Entscheidend ist, seriös zu bleiben, evidenzbasiert zu arbeiten und keine falschen Versprechen zu machen.“ Gerade darin liegt die Chance der Kaltplasmatherapie: als wissenschaftlich fundierte Ergänzung bestehender Therapiekonzepte – mit dem Potenzial, die tierärztliche Behandlung nachhaltiger und antibiotikasparender zu gestalten.