Roundtable: Juckreizlinderung beim Hund

Was moderne Dermatologie heute leisten kann und wo die Herausforderungen bleiben

„Wenn ich Wirksamkeit erreiche, ohne in den Bereich von Nebenwirkungen zu kommen, habe ich einen echten therapeutischen Vorteil.“ Mit dieser klaren Einordnung bringt Prof. Dr. Wolfgang Bäumer, Pharmakologe an der Freien Universität Berlin, gleich zu Beginn auf den Punkt, worum es in der modernen Dermatologie zunehmend geht: gezielte Therapie statt breiter Intervention. Das LIVE-Webinar „Neue Perspektiven in der Juckreizlinderung“ zeigte eindrucksvoll, wie sich dieses Prinzip durch alle Ebenen zieht: von der Molekülentwicklung über klinische Studien bis hinein in den Praxisalltag. Juckreiz gehört längst zu den häufigsten Vorstellungsgründen in der Kleintierpraxis. Was früher oft als lästiges, aber beherrschbares Symptom galt, hat sich zu einem komplexen, chronischen Krankheitsbild entwickelt – mit hoher Relevanz für Tier, Tierhalter:innen und den Praxisalltag.

Unter der Moderation von Tonja Grassmann, Kommunikationsleiterin bei MSD Tiergesundheit, diskutierten Prof. Dr. Wolfgang Bäumer, Institut für Pharmakologie und Toxikologie an der FU Berlin, Dr. Inka Kuhlmann, Global Pharmaceutical Development bei MSD Animal Health, Dr. Ulrike Feigel (Tierärztezentrum Landshut), Dr. Lucia Panakova, Vetmeduni Wien, sowie Katharina Kratz (Tierarztpraxis in der Vacher Mühle) praxisnahe Strategien zur effektiven Kontrolle von Pruritus. Im Fokus standen dabei der Brückenschlag zwischen pathophysiologischen Grundlagen und klinischer Anwendung sowie der interdisziplinäre Austausch über moderne Therapieoptionen im Praxisalltag. Schon der Realitätscheck zu Beginn machte deutlich, wie präsent das Thema ist: In vielen Praxen machen dermatologische Patienten heute 10 bis 30 Prozentaus, in spezialisierten Einrichtungen sogar deutlich mehr. 

Dermatologie ist Praxisalltag geworden

Für Praktikerinnen wie Dr. Ulrike Feigel und Katharina Kratz ist Juckreiz längst kein Randthema mehr, sondern tägliche Routine. „Es vergeht kein Tag, an dem ein Hund mit Juckreiz durch die Tür kommt“, beschreibt Kratz die Situation im Praxisalltag. Dabei fällt nicht nur die Häufigkeit auf, sondern auch die Dynamik: Viele der Fälle werden heute früher erkannt, gleichzeitig scheint die Zahl der betroffenen Tiere tatsächlich zuzunehmen. Ein Grund liegt in veränderten Erwartungen der Halter:innen, ein anderer in der Populationsentwicklung, denn bestimmte Rassen mit dermatologischer Prädisposition sind deutlich präsenter geworden. Auch Dr. Lucia Panakova von der Vetmeduni Wien bestätigt diesen Eindruck aus der spezialisierten Dermatologie: „70 bis 80 Prozent unserer Patienten sind Allergiker.“ Trotz aller Fortschritte in der Therapie bleibt die Diagnostik der entscheidende erste Schritt. „Wir dürfen nie vergessen, zuerst die Differenzialdiagnosen auszuschließen“, betont Panakova. „Ektoparasiten und sekundäre Infektionen gehören immer an den Anfang.“ Gerade in Zeiten moderner, schnell wirksamer Medikamente bestehe die Gefahr, zu früh therapeutisch zu intervenieren, ohne die Ursache sauber abgeklärt zu haben. Dabei sind klassische Methoden wie Hautgeschabsel oder Zytologie nach wie vor unverzichtbar, vorausgesetzt, sie werden konsequent eingesetzt.

Von Baden zu gezielter Systemtherapie

Ein zentraler Wandel der letzten Jahre zeigt sich in der Therapie: Während früher topische Maßnahmen und aufwendige Pflege im Vordergrund standen, dominieren heute systemische Ansätze mit deutlich schnellerem Wirkungseintritt. „Früher hast du gewaschen und gebadet, heute arbeiten wir viel mit Tabletten“, bringt Dr. Ulrike Feigel auf den Punkt. Der Effekt ist im Alltag spürbar: „Der Juckreiz ist deutlich schneller weg, und die Tiere verletzen sich weniger“, so Katharina Kratz. Diese schnelle Wirksamkeit hat einen entscheidenden Nebeneffekt: Sie verbessert die Mitarbeit der Tierhalter:innen.

Compliance ist der limitierende Faktor

Denn so klar die medizinischen Fortschritte sind, häufig bleibt die größte Herausforderung die Umsetzung. „Dermatologie ist viel Reden und viel Überzeugungsarbeit“, beschreibt Katharina Kratz die Realität aus der Praxis. Die Zahlen aus dem Webinar bestätigen das: Ein erheblicher Teil der Tierhalter:innen hält sich nur teilweise an Therapieempfehlungen. Gründe sind vielfältig: fehlende Zeit, zu hohe Kosten, aber auch mangelndes Verständnis für die chronische Natur der Erkrankung. Hier wird Kommunikation zum entscheidenden Faktor: Klare Anweisungen, schriftliche Therapiepläne und regelmäßige Kontrollen – auch telefonisch, per Foto oder Video – sind essenziell, um langfristig stabile Verläufe zu erreichen.

Selektivität als Leitprinzip

Ein zentrales Thema des Webinars war das Konzept der Selektivität in Bezug auf Janus-Kinase-Inhibitoren, also die gezielte Beeinflussung genau der Signalwege, die für Juckreiz und Entzündung verantwortlich sind. Hier brachte Dr. Inka Kuhlmann die Perspektive der Arzneimittelentwicklung ein. Als Expertin für globale pharmazeutische Entwicklung erklärte sie, worauf moderne Wirkstoffe abzielen: „Die Idee ist, gezielt die Signalwege zu treffen, die wir für die Wirksamkeit brauchen und die anderen möglichst zu schonen.“

Der Hintergrund: Signalwege wie die Januskinasen spielen in vielen physiologischen Prozessen eine Rolle. Eine selektive Hemmung soll daher nicht nur wirksam sein, sondern auch das Risiko unerwünschter Effekte reduzieren. Für Prof. Dr. Wolfgang Bäumer ist entscheidend, ob dieser Ansatz auch klinisch trägt: „Gemäß der Studien sind die Vorteile Selektivität auch im Tier messbar.“

Allergie ist ein langfristiger Prozess

Ein grundlegendes Missverständnis vieler Tierhalter:innen besteht darin, allergische Erkrankungen als akutes Problem zu betrachten. „Ich kann die Hunde nicht heilen, aber ich kann helfen, die Erkrankung zu kontrollieren“, bringt Panakova es auf den Punkt. Das Ziel moderner Dermatologie ist daher nicht die kurzfristige Symptomfreiheit, sondern ein langfristig stabiles Management. Dazu gehören neben der symptomatischen Therapie auch kausale Ansätze wie die allergenspezifische Immuntherapie sowie konsequente Prophylaxe. Ein Thema, das im Webinar außerdem besonders intensiv diskutiert wurde, ist die Rolle von Ektoparasiten. Die Empfehlung ist eindeutig: Gerade bei allergischen Patienten sollte ein ganzjähriger Schutz etabliert werden. Denn selbst einzelne Expositionen können sogenannte „Flare-ups“ auslösen und den Therapieerfolg zunichtemachen.

Fazit

Die Diskussion zeigt, dass die Dermatologie in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht hat. Therapien wirken schneller, sind gezielter und für Tierhalter:innen einfacher anzuwenden. Gleichzeitig wächst der Anspruch an die Tierärzt:innen, da Diagnostik, Therapie und Kommunikation enger zusammenspielen müssen denn je. Die größte Innovation liegt nicht nur im Wirkstoff, sondern im Management des gesamten Patientenprozesses. Am Ende entscheidet sich genau dort, ob aus einer guten Therapie auch ein nachhaltiger Erfolg wird.

TIPP: Die Aufzeichnung des mit 2. ATF-Stunden zertifizierten Webinars, ist für Tierärzt:innen kostenlos abrufbar: MSD Academy in Deutschland, bzw. MSD Academy in Österreich.