Cyril Berg: Architekt europäischer Katzenmedizin

Als ich Dr. Cyril Berg fünf Jahre nach unserem ersten Zusammentreffen beim Royal Canin Vet Symposium 2026 in Montpellier erneut begegnete, war seine Begeisterung für die Katzenmedizin unverändert spürbar. Doch zugleich zeigte sich, wie weit seine Vision inzwischen gereift ist: Aus dem Konzept ambitionierter Katzenpraxen in Frankreich ist ein internationales Modell geworden – mit neuen Standorten über die Landesgrenzen hinaus, darunter auch die jüngst aufgebaute Klinik in Rom.

Bereits 2021 formulierte Berg ("Praxisreportage in Nantes: "Mon Chat et Moi") in einen zentralen Gedanken, der bis heute wie ein Leitmotiv seines beruflichen Weges wirkt: „In meinem früheren Leben als Gemischtpraktiker hatte ich oft das Gefühl, medizinisch nicht das Beste geben zu können. Bei Katzen kann ich eine höhere Stufe an Medizin praktizieren.“ Schon damals wollte er unbedingt weg von Kompromissen, hin zu einer hochspezialisierten, konsequent feline-orientierten Medizin. Mit „Mon Chat & Moi“ entwickelte Berg früh ein Konzept, das sich bewusst vom klassischen Praxisalltag abhob. 30-minütige Konsultationen, offene Gesprächsführung, intensive Beratung zu Verhalten, Ernährung, Lebensstil und Prävention. Für den Tierarzt war Katzenmedizin nie reine Symptombehandlung, sondern ein ganzheitlicher Ansatz. Seine Praxen sollten ruhig, modern und ergonomisch gestaltet sein, ohne klassische Rezeption, dafür mit bewusst gestalteten Räumen, die Stress reduzieren und Kommunikation fördern. Bereits beim Standort Angers zeigte sich dieser Anspruch deutlich: Design, Zahnmedizinzentrum und eine neue Form der Patientenführung wurden zum Markenzeichen.

Was 2021 mit drei Standorten wie Orvault, Rezé und Angers sichtbar wurde, erscheint 2026 wie die logische Fortsetzung einer konsequent verfolgten Strategie. In Montpellier sprach Berg längst nicht mehr nur über einzelne Katzenpraxen, sondern über den Aufbau eines europaweiten Netzwerks. Zehn Kliniken bestehen bereits, 17 neue wurden in kurzer Zeit entwickelt, langfristig denkt er an 40 bis 50 Standorte in Frankreich und darüber hinaus – bis nach Belgien, Deutschland oder die Schweiz.

Dabei bleibt bemerkenswert, dass sich trotz dieser Expansion der Kern seiner Philosophie kaum verändert hat: Qualität vor Geschwindigkeit, Spezialisierung vor Beliebigkeit und Werte vor reinem Wachstum. Berg spricht heute noch deutlicher über Unternehmenskultur, Respekt und berufliche Zufriedenheit. Der hohe psychische Druck im tierärztlichen Beruf, Fachkräftemangel und fehlende Perspektiven beschäftigen ihn sichtbar. Seine Antwort darauf ist ein Managementstil, der Verantwortung delegiert, junge Tierärzt:innen fördert und Teams aktiv wachsen lässt.

Fachkräftemangel

Auch beim Thema Fachkräftemangel bleibt Berg realistisch. Schon damals erkannte er die Problematik in Frankreich, heute beschreibt er sie als zentrale Wachstumsbremse. Gleichzeitig sieht er Chancen: attraktive urbane Standorte, spezialisierte Medizin und ein modernes, teamorientiertes Umfeld machen feline Kliniken für junge Kolleg:innen interessanter. Ein entscheidender Hebel bleibt für ihn die Zusammenarbeit mit starken Partnern wie Royal Canin. Berg betrachtet die Industrie nicht als bloßen Sponsor, sondern als Innovationspartner. Ernährungsmedizin, Teamschulungen und strategische Unterstützung beim Aufbau neuer Kliniken sind für ihn Bausteine einer größeren Vision: die Katzenmedizin als eigenständige, hochwertige Disziplin weiterzuentwickeln.

Der französische Tierarzt denkt inzwischen nicht nur unternehmerisch, sondern zunehmend bildungspolitisch. Seine Idee, Studierende europaweit stärker für Katzenmedizin zu begeistern und ihnen praxisnahe Impulse für den Berufseinstieg zu geben, zeigt eine neue Dimension seines Projekts. Aus „Mon Chat & Moi“ ist längst weit mehr geworden als ein Praxiskonzept. Es ist der Versuch, Katzenmedizin in Europa neu zu definieren.

Andreas Moll