Verhaltensprobleme bei Seniorkatzen: Vermeiden, rechtzeitig erkennen und behandeln

Katzenhalter:innen wünschen sich, dass ihre Katzen ein möglichst langes und gesundes Leben führen. Viele Katzen erreichen inzwischen ein hohes zweistelliges Alter. In verschiedenen Studien wird die durchschnittliche Lebenserwartung von Katzen mit 11-14 Jahren angegeben (1,2,3). Gesund sind viele der älteren Katzen jedoch nicht, sondern nur gut im Verstecken ihrer gesundheitlichen Probleme. Die Begleitung einer alten Katze kann aufwendig sein und erfordert zeitliche, emotionale, körperliche und finanzielle Ressourcen der Halter:innen (4). Als Seniorkatzen werden im allgemeinen Katzen im zweistelligen Lebensalter angesehen (5). Einige Katzen zeigen jedoch schon ab einem jüngeren Alter Erkrankungen die üblicherweise mit Senioren assoziiert sind (z.B. Hyperthyreose). Schon ab 9-10 Jahren zeigen viele Katzen erste Symptome einer kognitiven Dysfunktion und verminderte Leistungen in Lernversuchen (6,7).

Ziel der tierärztlichen Betreuung von Katzen muss sein, die Katzenhalter:innen zu befähigen, ihre Katzen genau genug zu beobachten, um Veränderungen rechtzeitig zu erkennen und zu motivieren regelmäßige Gesundheitsüberprüfungen vornehmen zu lassen (mindestens 2x jährlich ab dem 8. Lebensjahr und mindestens 4x jährlich ab dem 15. Lebensjahr).

Prophylaxe von Verhaltensproblemen

Je nachdem unter welchen Lebensbedingungen die Katze lebt, stehen bei der Prophylaxe unterschiedliche Aspekte im Vordergrund. Die Freigängerkatze kann sich ohne die Unterstützung ihres Menschen viel Bewegung und kognitive Abwechslung schaffen, „zahlt“ dafür aber mit zahlreichen Risiken, so dass in dieser Gruppe weniger Katzen das Senioralter erreichen. Die möglichen Beobachtungszeiten sind durch die Abwesenheit der Katze limitiert. Eine gezielte Interaktion, bei der auf körperliche und Verhaltensveränderungen geachtet wird, sollte mindestens einmal täglich stattfinden. In dieser Zeit sollten auch Basisverhaltensweisen, die für eine tierärztliche Versorgung wichtig sind, trainiert werden (z.B. Tablettengabe).

Mit nachlassenden körperlichen und kognitiven Fähigkeiten steigt das Risiko für Unfälle wieder an und es sollte genau abgewogen werden, ob ein Wechsel zu einer Haltung mit kontrolliertem Freigang (z. B. katzensicher eingezäunter Garten) für die individuelle Katze möglich und sinnvoll ist. Trotz immer mehr Möglichkeiten, das Leben von Wohnungskatzen zu bereichern, leben viele immer noch in einer Umgebung, die einerseits zu reizarm ist und andererseits zu wenig Gelegenheiten bietet, ihre Bedürfnisse auszuleben (zu wenige Möglichkeiten, den dreidimensionalen Raum zu nutzen, zu wenig Wasserstellen, ungeeignete Katzentoiletten etc.). Natürlich sollte eine Beratung über die Bedürfnisse von Katzen und wie diese in der Wohnung und eventuell in Kombination mit kontrolliertem Freigang erfüllt werden können, Teil jeder „Kittensprechstunde“ sein. Im Alter rücken diese Aspekte jedoch erneut in den Fokus, da einerseits die reduzierte Stressanpassungsfähigkeit der älteren Katze bei gleichbleibenden Lebensbedingungen zu Verhaltensauffälligkeiten (z. B. Unsauberkeit oder Aggressionsverhalten) führen kann und andererseits die Umwelt an die Bedürfnisse der alten Katze angepasst werden muss (z.B. leichter erreichbare, sichere Rückzugsorte). Mit jeder Indoorkatze sollte mindestens 2x täglich 20 Minuten gespielt werden. Zusätzlich sollten täglich wechselndes Spielzeug zur Selbstbeschäftigung, Activity feeder und wechselnde Enrichment Tools (z.B. Kartons) genutzt werden (Abb. 1).

Für alle Katzen gilt: Kleine Trainingseinheiten und Problemlösungsaufgaben fordern die Katze mental und verbessern gleichzeitig die Mensch-Katze-Kommunikation.

Während Bewegungs- und physiotherapeutische Übungen von Hundehalter:innen immer häufiger prophylaktisch eingesetzt werden, wissen die meisten Katzenhalter:innen hierüber noch wenig. Dabei tragen diese Übungen bei Katzen genauso zur Gesunderhaltung bei, und viele Katzen sind mit Begeisterung dabei. Tellington-Körperbänder wirken bei vielen Katzen in Aufregungssituationen beruhigend und können auch bei orthopädischen oder neurologischen Problemen eingesetzt werden. Das Tragen sollte möglichst schon bei jungen oder adulten Katzen geübt werden (Abb. 2 & 3).

Während der Streicheleinheiten sollte eine vorsichtige Überprüfung des Katzenkörpers auf Veränderungen integriert werden. Lässt sich die Katze nicht oder nur ungern anfassen, sollte hieran frühzeitig gearbeitet werden. In vielen Fällen ist hierbei die Unterstützung einer Katzenverhaltensberater:in, -trainer:in, Tellington TTouch Lehrer:in oder Tierärzt:in für Verhaltensmedizin sinnvoll. Inzwischen gibt es auch zahlreiche Onlineangebote, mit denen Katzenhalter:innen ihre Trainingsfähigkeiten verbessern oder mehr Ideen für einen abwechslungsreichen Katzenalltag kennen lernen können.

Ab dem 8. Lebensjahr sollte die Fütterung an die Bedürfnisse der alternden Katze angepasst werden. In einer Studie wurde nachgewiesen, dass Seniorkatzen, die mit einer Diät gefüttert wurden, die angereichert mit Antioxidanzien, essentiellen Fettsäuren und Präbiotika war, signifikant länger lebten (8). Ernährung, Bewegung und kognitive Aktivitäten sind auch bei der Katze die beste Demenzprophylaxe.

Probleme frühzeitig erkennen

Viele Verhaltensänderungen entwickeln sich schleichend und werden von den Katzenhalter:innen nur bemerkt, wenn sie das Verhalten ihrer Tiere mit anderen Zeitpunkten im Katzenleben vergleichen. Motivieren Sie daher die Katzenhalter:innen ein Gesundheitstagebuch anzulegen. Hier werden nicht nur Erkrankungen und Behandlungen festgehalten, sondern auch der typische Tagesablauf der Katze, ihre Lieblingsplätze und -aktivitäten. Veränderungen im Tagesablauf, z.B. vermehrtes Schlafen, nächtliche Unruhe, vermehrtes Vokalisieren, aufsuchen anderer Ruheorte treten häufig vor körperlichen Symptomen auf und sollten zu einer zügigen und sorgfältigen tierärztlichen Abklärung Anlass geben.

Videos sind der „Goldstandard“ zur Wahrnehmung von Problemen im Bewegungsapparat. Hier geht es nicht um das niedlichste Spielvideo der Katze, sondern um Videos auf denen man den Bewegungsablauf gut erkennen kann:

  1. Beim Springen, Treppe steigen sowie beim Laufen auf einem ebenen Untergrund, möglichst von vorne, hinten und der Seite gefilmt.
  2. Zusätzliche Fotos der Katze ermöglichen die Beurteilung von Fellveränderungen, Körperhaltungen und Bemuskelung.

Wiegen: Mit allen Katzen sollte von Anfang an, dass entspannte Wiegen trainiert werden. Gewichtsveränderungen sind gut objektivierbare und frühzeitige Anzeichen für körperliche Veränderungen.

Behandlung von Verhaltensproblemen der Seniorkatze

Treten Verhaltensveränderungen bei Seniorkatzen auf, müssen zunächst körperliche Ursachen so gut wie möglich ausgeschlossen bzw. behandelt werden. Circa 80% der Katzen, die bei mir in der Verhaltenspraxis vorgestellt werden, haben Schmerzen! Sehr häufig reduzieren Zahn-, neuropathische oder Arthroseschmerzen die Stresstoleranz der Katzen und führen zu Symptomen wie Markier- oder Aggressionsverhalten. Auch eine Beeinträchtigung der Sinnesorgane führt häufig zu Verhaltensveränderungen.

Von der kognitiven Dysfunktion sind ebenso wie beim Hund viele alte Katzen betroffen. Auch wenn die sichere Diagnose nur pathologisch nach dem Tod gestellt werden kann, gibt es typische Symptome, bei denen man von einer kognitiven Dysfunktion ausgehen kann, wenn die Symptome nicht nur eine andere Erkrankung erklärt werden können. Ab dem 15. Lebensjahr ist circa jede 2. Katze betroffen! Typische Symptome sind vermehrtes Vokalisieren, Veränderungen des Wach-Schlaf-Rhythmus und Orientierungsschwierigkeiten (7).

Viele alte Katzen, mit und ohne kognitive Dysfunktion, können schlechter mit Frustration, Veränderungen und potentiell Furcht auslösenden Reizen umgeben, als dies in ihrer Jungend der Fall war. Das Lebensumfeld der Katze sollte darauf Rücksicht nehmen und Veränderungen sollten kleinschrittig durchgeführt werden. Dies muss man auch bei Anpassungen, die auf Grund körperlicher Erkrankungen vorgenommen werden, berücksichtigen. So ist es beispielsweise möglich, dass die Katze von sich aus eine Treppe zu ihrem Lieblingsplatz oder eine bequemere Katzentoilette nicht von alleine annimmt, sondern die Unterstützung ihrer Bezugsperson benötigt. Sehr hilfreich ist es, wenn schon in jüngeren Jahren ein Targettraining etabliert wurde und die Katze gezielt durch die Wohnung geführt werden kann (Abb. 4).

Gerade wenn mehrere gesundheitliche Probleme gleichzeitig vorliegen und auch die Katzenhalter:innen durch die Sorge um ihre Katze belastet sind, regelmäßige Medikamentengaben und Tierarztbesuche notwendig sind, ist es wichtig auf gemeinsame Qualitätszeit zu achten. Sanfte und gezielte Tellington TTouches werden von den Seniorkatzen meistens sehr gut angenommen und bieten den Katzenhalter:innen die Möglichkeit, ihr Tier gezielt zu unterstützen (Abb. 5).

Erfahrungsgemäß tauchen Ängste und Verhaltensprobleme, die in der Jugend der Katze präsent waren und vermeintlich überwunden wurden, im Alter wieder oft auf und bedürfen einer Behandlung. Bei der Seniorkatze sollte eine Verhaltenstherapie immer sowohl eine Anpassung der Umwelt an die Bedürfnisse der Katze, eine Beeinflussung der Emotionen (Z.B. Anxiolyse) und eine Verbesserung oder zumindest bestmögliche Stabilisierung der kognitiven Funktionen anstreben.

Futterergänzungsmittel und Medikamente

Bei moderaten Ängsten kann die Gabe von Alpha-Casozepin allein oder in Kombination mit L-Theanin versucht werden. Viele Kombinationspräparate mit phytotherapeutischen Wirkstoffen enthalten zusätzlich Tryptophan und dürfen auf keinen Fall mit Selegilin kombiniert werden!

Propentofylline ist zugelassen für Hunde, kann aber auch bei Katzen eingesetzt werden und soll laut einiger Fallbeschreibungen zu Verbesserungen der kognitiven Funktionen führen.

Selegelin ist ein selektiver und irreversibler MAOB-Hemmer mit Zulassung für den Hund, kann aber auch bei Katzen eingesetzt werden. Selegelin erhöht die Aktivität von Enzymen, welche freie Radikale binden können, und wirkt neuroprotektiv. Bis eine erkennbare Wirkung eintritt, vergehen oft 4-8 Wochen. Die Autorin hat bei Hunden regelmäßig und bei Katzen in Einzelfällen sehr deutliche Symptomverbesserungen bei dementen Patienten erlebt.

Zeigt die Seniorkatze trotz einer Abklärung und Management von körperlichen Erkrankungen, einer Anpassung der Lebensbedingungen und dem Einsatz oben genannten Medikamente weiterhin belastende Verhaltenssymptome, sollte sie auf Verhaltenstherapie spezialisierten Tierärzt:innen vorgestellt werden. Dies gilt ebenfalls, wenn in der Haustierarztpraxis aus zeitlichen Gründen keine umfassende Beratung erfolgen kann.

Take Home Message

Verhaltensprobleme sollten frühzeitig diagnostiziert und therapiert und nicht als „normal in dem Alter“ abgetan werden. Multimodale Konzepte, die sowohl das Lebensumfeld als auch ihre psychischen und körperlichen Probleme berücksichtigen, ermöglichen vielen Katzen ein langes Leben mit guter Lebensqualität.

Literatur

  1. O’Neill, D.; Church, D.; McGreevy, P.; Thomson, P.; Brodbelt, D. (2015). Longevity and mortality of cats attending primary care veterinary practices in England. In: Journal of Feline Medicine and Surgery, 17(2), S. 125-133
  2. Montoya, M.; Morrison, J.; Arrignon, F.; Spofford, N.; Charles, H.; Hours, M.; Biourge, V. (2023). Life expectancy tables for dogs and cats derived from clinical data. In: Frontiers in Veterinary Science, 10(1082102)
  3. Teng, K.; Brodbelt, D.; Church, D.; O’Neill, D. (2024). Life tables of annual life expectancy and risk factors for mortality in cats in the UK. In: Journal of Feline Medicine and Surgery, 26(5)
  4. Ray, M.; Carney, H.; Boynton, B.; Quimby, J.; Robertson, S.; Denis, K.; Tuzio, H.; Wright, B. (2021). 2021 AAFP Feline Senior Care Guidelines. In: Journal of Feline Medicine and Surgery, 23, S. 613-638
  5. Quimby, J.; Gowland, S.; Carney, H.; DePorter, T.; Plummer, P.; Westropp, J. (2021). 2021 AAHA/AAFP Feline Life Stage Guidelines. In: Journal of Feline Medicine and Surgery, 23, S. 211-233
  6. Hajzler, I.; Nenadović, K.; Vučinić, M. (2023). Health changes in old cats. In: Journal of Veterinary Behavior, 63, S. 16-21
  7. Gunn-Moore, D.; Moffat, K.; Christie, L.; Head, E. (2007). Cognitive dysfunction and the neurobiology of ageing in cats. In: Journal of Small Animal Practice, 48, S. 546-553
  8. Cupp, C.J.; Jean-Philippe, C.; Kerr, W. Pazil, A. R.; Perez-Camargo, G. (2006) Effect of nutritional interventions on longevity of senior cats. International Journal of Applied Research in Medicine 4, 34-50