Präventive Tiermedizin – ein neuer Trend

Vorbeugen statt Heilen

Wer möchte es nicht? Agil und fit sein ein Leben lang. Das Schlagwort dazu kennt jedermann: „Vorbeugen statt Heilen“. Denn durch die höhere Lebenserwartung von Mensch und Tier wird es schwieriger, die gewünschte schmerzfreie Lebensqualität aufrecht zu erhalten. Die Lösung dazu scheint man in der präventiven (vorbeugenden) Medizin zu finden.

Die Nachfrage von Seiten des Kleintierhalters für vorbeugende tiermedizinische Untersuchungen und Beratungen mit wissenschaftlich belegtem Hintergrund nimmt rasant zu, insbesondere bei Sport- und Leistungshunden, Welpen sowie bei alternden Familientieren. Wichtige Themen sind die adäquate Ernährung und Zahnpflege, die körperliche Zusammensetzung von Fett- und Muskelgewebe, das Üben von komplexen Bewegungsabläufen sowie die individuelle multimodale Behandlung von Schmerzzuständen jeglicher Ursache und Stärke. Die Physikalische Medizin ist ein wichtiger Bestandteil dieser Prävention, schließlich ist ihr multimodales Vorgehen in der Schmerztherapie sowie die Planung von korrekter Bewegung die Basis für den Erhalt bzw. die Verbesserung der Lebensqualität. Die Physikalische Medizin beinhaltet die goniometrische Messung der Gelenke, die Messung von Muskelumfängen, das Festhalten von Endgefühlen der Gelenke sowie eine spezielle haptische Untersuchung des Tierkörpers. In akademischen Weiterbildungen (CCRP®, VMPT®) nimmt sie eine wichtige Position ein.

Ein standardisiertes bildliches Evaluierungs- und Dokumentationskonzept, welches den aktuellen Gesundheitszustand des Tieres darstellt bzw. innerhalb einer festgelegten Zeitspanne überwacht und bewertet, existiert zurzeit noch nicht. Dabei kann dies sowohl die klinische Diagnose als auch das Planen und Überwachen von komplexen multimodalen Therapieplänen verbessern. Auch die interdisziplinäre Kommunikation zwischen Spezialisten bzw. das Verständnis der Problematik für den Tierhalter wird dadurch enorm erleichtert. Die Lösung dazu bietet zeitnah das Evaluierungs- und Dokumentationskonzept „Bodymapping nach ESTEVE ©“ (BnE®). Damit können z.B. auch die Evaluation und das Monitoring der Behandlung und des Therapieverlaufs von Hyper- oder Hypotonien im Gewebe oder von Übergewicht einfach durchgeführt werden.

Innovative Evaluierungs- und Dokumentationskonzept in der präventiven Tiermedizin

Dieses Evaluierungs- und Dokumentationskonzept wurde bereits in der Ausgabe von Hunderunden-PRINT #7 vorgestellt. Nun soll es anhand eines Fallbeispiels vorgestellt werden. „Dior“ ist eine zwölf Jahre alte kastrierte Staffordshire-Hündin. Seit dem zweiten Lebensjahr weist sie links ein verdicktes Sprunggelenk auf, welches aber in den ersten Lebensjahren keine klinischen Probleme machte und nie als untersuchungs- bzw. therapiewürdig eingestuft wurde. Im Alter von sieben Jahren (2015) fing „Dior“ jedoch an, immer öfter das linke Hinterbein hochzuheben und nur noch auf drei Beinen zu laufen. Letztendlich war das linke Sprunggelenk nach jedem Spaziergang vermehrt warm, verdickt und gerötet. „Dior“ setzte das linke hintere Bein überhaupt nicht mehr beim Gehen ein. Die gründliche tiermedizinische Untersuchung ergab ein akutes Aufflammen einer chronischen Entzündung eines Schleimbeutels am Sprunggelenk. Strenge Ruhe mit Leinenzwang, Schmerzmittel sowie die lokale Behandlung mit einem dynamisch arbeitenden Lasergerät der Klasse 4 wurden verordnet. Dieses Vorgehen brachte über zehn Monate keinen therapeutischen Erfolg. Inzwischen hatte „Dior“ durch die strenge notwendige Ruhe an Muskelmasse verloren. Die Lebensqualität von „Dior“ und ihrem Frauchen war stark eingeschränkt.

Durch das Hinzuziehen einer physikalisch-medizinischen Untersuchung und dem Erstellen einer multimodalen Therapieplanung konnte „Dior“ neun Monate später wieder frei laufen und mit anderen Hunden toben. Die multimodale physikalische Therapie variierte individuell in Abhängigkeit des aktuellen Zustandes und beinhaltete Interventionen wie das „Passive Range of Motion“ (PROM), thermotherapeutische Techniken sowie neurokognitive Übungen.

Besonders effektiv bei einer akuten bzw. aufflammenden Entzündung ist außerdem der korrekte Einsatz von Kälte (Kryotherapie). Der positive Effekt von Kälte wird oft unterschätzt. Aktuelle Studien belegen, dass - bei professioneller Verordnung und Überwachung - der Einsatz von Kälte bei akuten Verletzungen förderlich für die Heilung ist. Korrekt eingesetzt schadet Kälte weder dem Heilungsverlauf noch erhöht sie das befürchtete Infektionsrisiko.

„Bodymapping nach ESTEVE ©“ (BnE®) als schnelle Beurteilung des Verlaufs der Kasuistik

In den letzten viereinhalb Jahren hat „Dior“ ein normales und glückliches Familienleben führen können. Sie hat eine chronische Verdickung der Weichteile am linken Sprunggelenk behalten, ist aber nie wieder auf drei Beinen gelaufen und konnte mit anderen Hunden spielen. „Dior“ wurde daher auch nicht mehr zu einem physikalisch-medizinischen Check vorgestellt. Jetzt, in einem Alter von zwölf Jahren fängt „Dior“ erneut an, die betroffene hintere linke Gliedmaße zu schonen. Außerdem fällt dem Frauchen auf, dass „Dior“ in letzter Zeit nach einem langen Spaziergang auch auf der vorderen linken Gliedmaße zu lahmen beginnt.

Mit dem Dokumentationskonzept des Bodymapping nach ESTEVE © (BnE®) ist ein schneller Überblick und Vergleich mit vorangegangenen Befundungen möglich."

Dr. Barbara Esteve-Ratsch

Mit dem Dokumentationskonzept des Bodymapping nach ESTEVE © (BnE®) ist ein schneller Überblick und Vergleich mit vorangegangenen Befundungen möglich. Zur Erinnerung: Gewünscht ist im Dokumentationsverlauf der Übergang von einer polychromatischen (mehrfarbigen) zu einer tendenziell monochromatischen (einfarbigen) Graphik bzw. ein Wechsel von strichartigen zu vereinzelten punktuellen Einzeichnungen in der Graphik.

Bei „Dior“ konnte beim Vergleich der aktuellen Evaluierung (Februar 2020) mit der aus dem Jahre 2015 sofort erkannt werden, dass sich die ursprüngliche kompensatorische Überlastung nach vorne rechts nun auf die linke Vordergliedmaße umgelagert hat (siehe Abbildungen). Walnussgroße schmerzhafte Triggerpunkte wurden in der Muskulatur der rechten Vordergliedmaße diagnostiziert, welche auch 2015, wenngleich in deutlich geringerem Grade, vorhanden gewesen waren. Die Graphiken zeigen im Fall von „Dior“, wie die ursprüngliche Problematik von hinten links eine kompensierende Überlastung nach vorne rechts ausgelöst hat, welche nach weiteren viereinhalb Jahren auch eine Überlastung nach vorne links und folglich eine aktuelle intermittierende Lahmheit zur Folge hat.

"Dieses Evaluierungskonzept ersetzt die klassische tiermedizinische Befundung nicht, sondern ergänzt und verfeinert diese."

Durch die bildliche Dokumentation und Farbcodierung ist eine individuelle gezielte Therapieplanung möglich. „Diors“ aktueller physikalisch medizinischer Therapieplan berücksichtigt ihre internistischen Erkrankungen und besteht aus einem angemessenen multimodalen Schmerzmanagement mit Elektrotherapie (TENS) und einem punktuell einsetzbarem Lasergerät der Klasse 4. Mit der photobiomodulativen Wirkung des Lasers werden die Muskelfasern auf die bevorstehenden konditionierenden Übungen in den nächsten Wochen vorbereitet, da sie die Kapillarisierung und den Stoffwechsel im Gewebe anregt.

In drei Wochen mit fünf Behandlungen (siehe Graphik März 2020) wurde die physikalische Medizin mit klassischer Akupunktur und „Dry Needling“ ergänzt. Da kurzhaarige Hunde ab einer Außentemperatur unter 20 Grad ihre Körperwärme in Form von Muskelkontraktionen aufrecht erhalten müssen, hat die Besitzerin von „Dior“ ihrem Hund als vorbeugende Maßnahme einen Pullover gestrickt, welcher die verspannte Muskulatur im Nacken, Oberarm und Lende im Rahmen der Spaziergänge an kalten Tagen warm hält und vermeidet, dass sich die Verspannung in der Muskulatur verstärkt.

Die Behandlungsintervalle konnten bei „Dior“ von zweimal pro Woche auf einen wöchentlichen Termin reduziert werden. Weitere physikalisch-medizinische Behandlungen stehen noch bevor, aufbauend zu den vorangegangenen Behandlungen und gemäß ständiger Evaluierungen mit dem Bodymapping nach ESTEVE © (BnE®), und werden auch gezielte körperliche Übungen beinhalten.