Phytotherapie bei Krebserkrankungen - mehr als ein „Strohhalm?!“


Krebserkrankungen können Lebenspläne und Leben zerstören. Die Diagnose Krebs ist extrem belastend und ängstigend, auch wenn sie unseren Lebensgefährt:innen und das Familienmitglied Hund betrifft. „Verständlich, dass man da nach jedem Strohhalm greift und sich auch an Arzneipflanzen klammert. Aber darf man bei so schwerwiegenden Erkrankungen von den doch wohl eher schwach wirksamen und meist schlecht untersuchten Arzneipflanzenpräparate wirklich Positives erwarten?“ Viele denken so. Tatsächlich finden sich im Pflanzenarsenal zahlreiche hochpotente und bestuntersuchte Substanzen.

Hochpotente und bestuntersuchte Substanzen

Paclitaxel (Taxol) – aus der Rinde der Pazifischen Eibe, Taxus brevifolia, heute wegen des hohen Bedarfs in der Onkologie partialsynthetisch gewonnen (und damit per def. kein Phytotherapeutikum mehr), ist ein hochpotentes Tumor-Immunotherapeutikum (Zhu, Chen, 2019). In den USA gibt es eine gut verträgliche Nanopartikel-Formulierung von Paclitaxel, die vom FDA Center for Veterinary Medicine eine bedingte Zulassung für die Verwendung bei Hunden mit resezierbaren und nicht resezierbaren Plattenepithelkarzinomen und nicht resezierbaren Mammakarzinomen im Stadium III, IV und V erhalten hat (Khanna et al., 2015).

• Der Einjährige Beifuß, Artemisia annua, ist nicht nur ein potentes Malaria-Therapeutikum, sondern auch ein interessantes Tumortherapeutikum. Bei Hunden sind diverse Fälle adjuvanter Tumortherapie mit Artemisia annua und Eisen nach chirurgischer Entfernung (Standardtherapie) von Fibrosarkomen, Haemangiosarkomen und anderen Tumorarten dokumentiert (retrospektive Studie). Die Überlebenszeiten der adjuvant mit Artemisia annua behandelten Tiere lagen signifikant über denen, die ohne Artemisia annua nach Standardtherapie versorgt wurden (Breuer und Efferth, 2014; Saeed et al. 2020).

• Extrakte aus der europäischen Weißbeerigen Mistel, Viscum album, werden seit rund 100 Jahren beim Menschen und seit über 20 Jahren beim Tier v.a. zu adjuvanten und palliativen Therapie maligner Tumoren eingesetzt. Sie lindern nachweislich die durch Tumoren und Chemotherapie verursachten Beschwerden und wirken lebensverlängernd. Mistelextrakte stärken das Immunsystem, stimulieren die Haematopoese, entfalten antitumoröse Wirkung durch Apoptose-Induktion u.v.m. (Teuscher et al., 2020).

Wie also steht man empathisch, individuell und kompetent Krebspatienten und ihren Menschen zur Seite, für die radikale Tumorchirurgie, Chemotherapie und Bestrahlung nicht in Frage kommt?"

Dr. Cäcilia Brendieck-Worm

Warum spielen Arzneipflanzen in der Veterinär-Tumortherapie bisher eine untergeordnete Rolle?

Die Antwort hat sehr viele Facetten und kann in diesem Rahmen auch nur unvollständig und subjektiv sein:

• Die tiermedizinische Tumortherapie orientiert sich an der Humanmedizin. Radikale Chirurgie, Bestrahlung und Chemotherapie sind prinzipiell auch beim Hund möglich und üblich. Denn Hunde sind Familienmitglieder, Lebensgefährten, Kindersatz. Da wird oft alles versucht, um den Krebs zu besiegen.

• Tiermediziner:innen sind, wie alle Mediziner:innen, bestrebt zu heilen, versuchen den Tod mit allen Mitteln zu bekämpfen. Darauf ist auch ihre Ausbildung ausgerichtet.

• Sie empfinden es als Versagen, wenn sie einen Patienten an den Tod verlieren und versuchen deshalb alle zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen. Das kann dazu führen, dass ihnen eine realistische Einschätzung der Erfolgsaussichten ihres Tuns nicht mehr möglich ist.

• Krebserkrankungen werden als ausgesprochen bedrohlich empfunden. Deshalb neigen Mediziner:innen dazu, solche Verfahren einzusetzen, von denen mit größtmöglicher Sicherheit erwartet werden kann, dass sie Krebszellen vernichten. Das sind derzeit radikale Chirurgie (Schnitt im Gesunden), Strahlen- und/oder Chemotherapie.

• Die Verschlechterung des Allgemeinzustandes durch die Toxizität der Therapie wird dafür in Kauf genommen.

• Die Entscheidung Arzneipflanzen in der Tumortherapie einzusetzen erfordert Mut, denn es ist bisher unüblich und es fehlt den meisten Praktikern an entsprechendem Wissen. Da ist es oft erst der „Mut der Verzweiflung“, der den Arzneipflanzen eine Chance einräumt, wenn konventionelle Therapie versagt hat.

Krebsbekämpfung um jeden Preis?

Es gibt wesentliche Unterschiede zwischen einem krebskranken Menschen und einem krebskranken Tier. Eine durch Chemotherapie erreichte Lebensverlängerung - und sei sie nur für Wochen - hat für einen Menschen eine völlig andere Bedeutung als für das Tier. Das Tier kennt die Ängste nicht, die für einen Menschen mit einer Krebserkrankung verbunden sind. Es lebt ohne Zukunftssorgen im "Hier und Jetzt", hat nicht das Bedürfnis Zeit zu gewinnen, um sein Leben zu ordnen. Der vierbeinige Patient leidet eher unter der Wahrnehmung der Angst seines Menschen.

Für sehr viele Tierhalter:innen sind radikale Chirurgie, Bestrahlung und Chemotherapie nicht finanzierbar oder zumindest finanziell sehr belastend. Leidvolle Erfahrungen mit diesen Therapien am eigenen Leibe oder im Familien- und Freundeskreis lassen zudem viele Menschen davor zurückschrecken, diesen Maßnahmen bei ihrem Tier / ihrem Patienten zuzustimmen.

Bei einer aggressiven Krebsbekämpfung besteht die Gefahr, die Lebensqualität des Patienten aus den Augen zu verlieren und die Leidensfähigkeit der Patientenbesitzer überzustrapazieren. Die universitäre Ausbildung bietet bisher nicht das Rüstzeug, um dem Wunsch vieler Patientenbesitzer nach einer besser verträglichen Krebstherapie zu entsprechen. Und so bekommen manche Tierhalter:innen zu hören: „Dann können wir leider für Ihr Tier nichts mehr tun…“ Eine Aussage, die so nicht stimmt!

Die Lebensqualität ist ein hohes Gut und sollte bei der Tumortherapie berücksichtigt werden. Mit Hilfe von Arzneipflanzen ist eine gut verträgliche Tumortherapie möglich, die sowohl dem Krebs Einhalt gebieten kann als auch die Belastungen durch konventionelle Tumortherapien mindert."

Dr. Cäcilia Brendieck-Worm

Allein gelassen.

Menschen, die wir in dieser Situation allein lassen, die sich nicht für konventionelle Krebstherapien und auch (noch?) nicht für eine Euthanasie entscheiden können, machen sich auf die Suche nach Hilfe für ihr Tier. Verzweifelt greifen sie nach jedem Strohhalm, und mancher wird zur leichten Beute von skrupellosen Geschäftemachern, die diese Notsituation auszunutzen wissen.

Wie also empathisch, individuell und kompetent Krebspatienten und ihren Menschen zur Seite stehen, für die radikale Tumorchirurgie, Chemotherapie und Bestrahlung - aus welchem Grund auch immer - nicht in Frage kommt?

Palliative Tumortherapie

Die Betreuung von Tumorpatienten erfordert palliativmedizinische Kompetenz. Inoperable Tumore, nicht vollständig entfernbare Tumore oder keine Möglichkeit zur Entfernung im Gesunden, wie auch das Versagen oder die Ablehnung der üblichen Tumortherapie sind eine Herausforderung, die nur durch palliativmedizinische Kompetenz bewältigbar ist. Voraussetzungen für das Gelingen einer palliativmedizinischen Therapie ist ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Tierärzt:in und Patientenbesitzer:in, gutes Einfühlungsvermögen und kommunikative Kompetenz der Therapeut:innen.

Worum geht es in der Palliativmedizin?

Es geht um Lebensqualität bei Lebenszeit-begrenzenden Erkrankungen, um kompetente Symptomlinderung und Wohlbefinden, um das Respektieren der Bedürfnisse des schwerkranken Tieres und seines Menschen. Wird Lebensqualität zum Ziel therapeutischer Bemühungen, müssen potentiell unwirksame und nebenwirkungsreiche Interventionen unterbleiben. Die Entscheidungen gegen diese Therapien, das Eingeständnis der Aussichtslosigkeit trotz dieser Therapien, fallen Tiermedizinern und Tierhaltern gleichermaßen schwer.

Einstiegsdroge Mistel

In dieser Situation ist das Wissen um das Potential der Mistel ausgesprochen hilfreich. Die Mistel kann bei allen Tumorarten sowohl prä- als auch postoperativ und palliativ eingesetzt werden, sowohl adjuvant als auch als alleinige Therapie. Besonders bei Gesäugetumoren der Hündin (Biegel et al., 2017) und beim oralen Melanom (Von Bodungen et al., 2017) des Hundes liegen umfangreiche Erfahrungen vor. Die Internetplattform der internationalen Viscum-Vet Group, eines Gremiums aus Veterinäronkologen, Mistelexperten und Anwendern aus Human- und Veterinärmedizin, bietet breite Unterstützung bei allen Fragen rund um die Misteltherapie (www.viscumvet.org). Mistelextrakte werden als Injektionen verabreicht. Im Standardtherapieprotokoll der Viscum-Vet Group sind 3 Injektionen à 1 ml pro Woche mit rhythmisch steigender Konzentration vorgesehen. Zu diesem Zweck wurden praxistaugliche Serienpackungen entwickelt (Iscador AG). Die Mistel wird erfahrungsgemäß sehr gut vertragen. Eine in der Praxis immer wieder gemachte Beobachtung ist die deutliche Verbesserung des Allgemeinbefindens und damit der Lebensqualität der Patienten unter Misteltherapie.

Fazit

Die Lebensqualität ist ein hohes Gut und sollte bei der Tumortherapie berücksichtigt werden. Mit Hilfe von Arzneipflanzen ist eine gut verträgliche Tumortherapie möglich, die sowohl dem Krebs Einhalt gebieten kann als auch die Belastungen durch konventionelle Tumortherapien mindert.

Literatur

Biegel U, Stratmann N, Knauf Y, Ruess K, Reif M, Wehrend A. Postoperative adjuvante Therapie mit einem Mistelextrakt (Viscum album ssp album) bei Hündinnen mit Mammatumoren. Complement Med Res 2017; 34:24349-357

Breuer E, Efferth T. treatment of iron-loaded Veterinary sarcoma by Artemisia annua. Nat Prod Bioprospect, 4; 113-118; 2014

Khanna C, Rosenberg M, Vail DM. A Review of Paclitaxel and novel formulations including those suitable for use in dogs. J Vet Intern Med, 29; 1006-1012, 2015

Saeed M, Breuer E, Hegazy ME, Efferth T. Retrospective study of small pet tumors treatet with Artemisia annua and iron. Int J Oncol., 56 (1) 123-138; 2020

Teuscher E, Lindequist U, Melzig MF. Biogene Arzneimittel. 8. Aufl., Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 2020

Von Bodungen U, Ruess K, Reif M, Biegel U. Kombinierte Anwendung von Strahlentherapie und adjuvanter Therapie mit einem Mistelextrakt (Viscum album L.) zur Behandlung des oralen malignen Melanoms beim Hund: Eine retrospektive Studie. Complement Med Res 2017; 24: 358-363

Zhu L, Chen L. Progress in research on paclitaxel and tumor immunotherapy. Cellular & Molecular Biology letters, 24; 2019