Odontogene Zysten bei brachyzephalen Rassen

Magdalena Kollowa und Silke Viefhues, Ahlen.

Im Rahmen einer Allgemeinuntersuchung sollte immer auch auf die Zahnzahl geachtet werden. Eine gründliche Maulhöhlenuntersuchung, selbst bei einer einfachen Impfvorstellung, ist unerlässlich. Fehlende Zähne sind dabei keine Seltenheit und sollten ernst genommen werden. Die am häufigsten fehlenden Zähne sind die ersten Prämolaren (P1) im Unterkiefer. Ob der fehlende Zahn wirklich nicht angelegt oder nicht durchgebrochen (retiniert) ist, kann allein durch die klinische Untersuchung nicht festgestellt werden. Hierzu ist ein Dentalröntgen zwingend notwendig. Brechen Zähne nicht durch, so entstehen als Folge häufig Zysten. In diesem Artikel soll ein kurzer Überblick über Vorkommen retinierter Zähne und Entstehung odontogener Zysten sowie deren Behandlung aufgezeigt werden.

Odontogene Zysten

Odontogene Zysten sind im maxillofazialen und auch mandibulären Bereich liegende Zysten, welche aus Zahn oder Zahnbildungsorganen hervorgehen. Zysten sind als flüssigkeitsgefüllter pathologischer Hohlraum mit epithelialer Auskleidung definiert. Es gibt verschiedene odontogene Zystenarten. Eine der in der Humanmedizin am häufigsten vorkommende ist die radikuläre Zyste, die aufgrund einer avitalen Pulpa und der darauffolgenden Entzündung an der Wurzelspitze entsteht. Eine Residualzyste entsteht nach einer Zahnextraktion, wenn eine ursprünglich radikuläre Zyste nicht vollständig entfernt wurde. Der Name leitet sich aus dem lateinischen Wort „residiuum“ (Rest/ zurückbleibend) ab. Eine parodontale Zyste entsteht aus den Resten der Zahnleiste und liegt im interradikulären Bereich. Eine Dentitionszyste oder auch Eruptionszyste zeigt sich vor dem Zahndurchbruch als kleine Wölbung, da die Zahnanlage zwar aus dem Kieferknochen, aber noch nicht durch die Gingiva durchgebrochen ist. Deshalb kommt diese Zyste auch nur im Weichteilgewebe vor. Sehr häufig muss hier nicht chirurgisch interveniert werden, da die durchstoßenden Zähne die Zyste durchbrechen. Eine follikuläre Zyste entsteht aufgrund retinierter oder impaktierter Zähne. Als impaktiert wird ein Zahn bezeichnet, bei dem Wachstum und Durchbruch aufgrund eines anderen Zahnes behindert wird (Abb. 1 & 2).

Eine kurze Zusammenfassung der Zysten ist in dieser Tabelle dargestellt."

Magdalena Kollowa und Silke Viefhues, Ahlen

Follikuläre Zysten

Die follikuläre Zyste ist eine zahnhaltige Zyste und entsteht aufgrund retinierter Zähne. Phylogenetisch zeigen vor allem die Unterkieferprämolaren eine Reduktionstendenz, aufgrund dessen sie besonders bei brachyzephalen Rassen häufig betroffen sind (z.B. Boxer, ca. 85 % der Population). Retiniert bedeutet, dass der Zahn angelegt ist, aber den Durchbruch komplett oder in Anteilen nicht schafft und somit in seiner mesenchymalen Hülle im Kieferknochen verbleibt - dem Zahnsäckchen. Das dadurch beim ausgebliebenen Zahndurchbruch nicht „abgestreifte“ Schmelzepithel bildet das Zystenepithel mit Zystenflüssigkeit. Die osmotisch wachsende Zyste ist zunächst schmerzlos. Beim Boxer mit retiniertem P1 im Unterkiefer führt dieser in 89 % der Fälle zur Zystenbildung. Es gibt verschiedene Formen und Lagebeziehungen zu dem Zahn der folllikulären Zyste. Die Formen sind in der Zeichnung verdeutlicht:

Es gibt verschiedene Formen und Lagebeziehungen zu dem Zahn der folllikulären Zyste."

Magdalena Kollowa und Silke Viefhues, Ahlen

Nach Größenzunahme verdrängt die Zyste fortschreitend den Kieferknochen und führt zu einer Knochenresorption. Diese Größenzunahme und Kieferknochenvereinnahmung beeinflussen die Kieferknochenstabilität - die Patienten äußern Schmerzen, beispielsweise bei Ausführung des Schutzdienstes oder beim Kauen von harten Spielzeugen. Die Ursachen sind bis zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass aufgrund der bereits angesprochenen evolutionär gesehenen Reduktionstendenz der P1 zum Teil im Unterkiefer resorbiert wird, sodass ein regulärer Durchbruch nicht mehr möglich ist und sekundär eine Zystenentwicklung entsteht. Da es sehr häufig die brachyzephalen Rassen betrifft, muss auch das stark ausgebildete Frenulum labiale als mögliche Ursache in Betracht gezogen werden, welches den Zahndurchbruch des P1 hindert.

Diagnostik

Um einen fehlenden von einem retinierten Zahn zu unterscheiden, bedarf es weiterer bildgebender Diagnostik. Eine zahnmedizinische Röntgenaufnahme ist dabei ausreichend. Die Abbildungen 1-3 zeigen den Unterkiefer eines Boxers, der klinisch keinen P1 aufweist. Röntgenologisch stellt sich dieser retiniert und bereits mit Zystenbildung dar.

Beispiel 2 zeigt erneut das Gebiss eines Boxers (Abb. 7-10). Die Zahnzahl im linken Unterkiefer ist im Gegensatz zur rechten Seite nicht vollständig. Erst mittels Dentalröntgen kann der retinierte Zahn 305 diagnostiziert werden.

Insbesondere brachycephale Rassen (Boxer, Bulldoggen) sind von dieser Problematik betroffen. Zu ca. 95 % zeigen diese Rassen im Dentalröntgen bei einem fehlenden Zahn einen retinierten Zahn. Auch ist es möglich, dass die Hunde einen vorhandenen ersten Unterkieferprämolaren aufweisen, sich aber im Dentalröntgen ein zweiter ausgebildeter Prämolarer zeigt, der eine follikuläre Zyste bildet (siehe Dentalröntgenaufnahmen unterschiedlicher Hunde // Abb. 11 & 12). Deshalb ist es ratsam, bei den prädisponierten Rassen standardmäßig eine zahnmedizinische Röntgenaufnahme anzufertigen. Diese kann beispielsweise auch während der Narkose zur Kastration/ HD-Röntgenaufnahmen angefertigt werden, so dass die Tiere eine zweite Narkose umgehen können.

Das Übersehen retinierten Zähne kann verheerende, klinische Folgen haben. Die follikuläre Zystenbildung kann solche Ausmaße annehmen, dass es bereits bei Bagatelltraumata zu Frakturen des Kiefers kommen kann."

Magdalena Kollowa, Ahlen

Behandlung

Eine chirurgische Intervention bei follikulärer Zystenbildung ist zeitnah erforderlich. Der retinierte Zahn muss extrahiert und die epitheliale Auskleidung der Zyste mittels Kürettage entfernt werden. Ob eine offene chirurgische Extraktion mittels Flap-Technik oder eine geschlossene Extraktion durchgeführt werden muss, hängt von der Schwere der Zystenbildung und der Lage des retinierten Zahns ab. Im Anschluss wird bei größerem Zystenlumen das Einbringen von Knochenersatzmaterialien empfohlen, um dem verdrängten Knochen als eine Art Leitstruktur bei Knochenneubildung zu helfen. Mögliche Materialen sind beispielsweise alloplastische Knochenersatzstoffe:

- Hydroxylapatit und Calciumsulfat (PerOssal)

- Tricalciumphosphat

Alloplastische Materialien sind synthetisch hergestellte Knochenersatzmaterialien, die den Knochendefekt zunächst ausfüllen und dann von Osteoblasten besiedelt werden, sie wirken osteoinduktiv. Diese Materialien sind meist vollständig resorbierbar, eine spätere Entfernung ist nicht notwendig. Auch ein protrahierter Schutz vor Keimbesiedelungen ist möglich, denn die Materialien können vor dem Einbringen mit Antibiotika beladen werden. Eine andere Möglichkeit sind autogene Knochenersatzmaterialien. Dies ist allerdings in der Veterinärmedizin nicht die erste Wahl, da das Material an einer anderen Körperregion zunächst gewonnen werden muss. Es zeigt sich eine follikuläre Zyste nach Kürettage und Einbringen von Hydroxylapatit, so dass auch der P2 extrahiert werden, da das Zystenlumen, erkennbar röntgenologisch an der Transluzenz des Knochens, bereits auch diesen samt Wurzel umschlossen hatte. Anschließend erfolgt ein gewöhnlicher Schleimhautverschluss mittels Einzelheften. Wurde Knochenersatzmaterial eingebracht ist es ratsam, nach 5 -10 Wochen ein Kontrollröntgenbild anzufertigen, um die Knochenheilung zu evaluieren und eine neue Zystenbildung auszuschließen. Siehe folgende Dentalröntgenbilder, hier wurde nach 5 Wochen eine Kontrollröntgenaufnahme durchgeführt. Der P2 wurde bei der Zystektomie belassen, obwohl er bereits in die Zyste mit involviert war. Nach 5 Wochen zeigt sich eine beginnende Neubildung des Parodontalspalts (Abb. 14).

Es ist unumgänglich, die Zahnzahl aufgrund der möglichen, schwerwiegenden Konsequenzen für den Patienten zu überprüfen. Aufgrund der bisher noch nicht eindeutig geklärten Ursache ist bei jedem Verdachtsmoment umgehend ein Dentalröntgenbild anzufertigen. Auch sollte dies bei brachyzephalen Rassen trotz durchgebrochenen P1 im Unterkiefer durchgeführt werden, da auch ein überzähliger Zahn solche Zystenbildung verursachen kann."

Dr. Silke Viefhues, Ahlen

Das Übersehen solcher retinierten Zähne kann verheerende, klinische Folgen haben. Die follikuläre Zystenbildung kann solche Ausmaße annehmen, dass es bereits bei Bagatelltraumata zu Frakturen des Kiefers kommen kann, wie das Beispiel eines 3-jährigen Boxers zeigt, der nach dem Schutzdienst mit akuten Maulblutungen vorstellig wurde. In der Computertomographie zeigt sich eine pathologische Schrägfraktur des Unterkiefers rechtsseitig (Abb. 15 & 16). Ursächlich ist die follikuläre Zyste des retinierten P1. Auch im linken Unterkiefer ist ein retinierter P1 zu erkennen, dieser wurde ebenfalls extrahiert. Mittels intraoralem Splinting (Kunststoffschienung) wurde die Fraktur versorgt (Abb. 17-19).

In einer Kontrollcomputertomographie zwei Monate nach Frakturversorgung ist eine gute Knochenheilung zu erkennen - es konnte eine Implantatentfernung durchgeführt werden (Abb. 20). Bei Versorgung solcher pathologischen Kieferfrakturen muss unbedingt die Ursache (der retinierte Zahn) extrahiert sowie eine Zystektomie (Kürettage und Entfernung der Zystenhäute) durchgeführt werden, damit eine adäquate Knochenheilung stattfinden kann.

Fazit

Es ist unumgänglich, die Zahnzahl aufgrund der möglichen, schwerwiegenden Konsequenzen für den Patienten zu überprüfen. Aufgrund der bisher noch nicht eindeutig geklärten Ursache ist bei jedem Verdachtsmoment umgehend ein Dentalröntgenbild anzufertigen. Auch sollte dies bei brachyzephalen Rassen trotz durchgebrochenen P1 im Unterkiefer durchgeführt werden, da auch ein überzähliger Zahn solche Zystenbildung verursachen kann.