MikroRNAs und die Zukunft der veterinärmedizinischen Kardiologie - Früher erkennen, früher handeln.

Herzerkrankungen entwickeln sich häufig unbemerkt, noch bevor klinische Symptome auftreten. Neue Forschungen zu MikroRNAs – winzigen molekularen Regulatoren, die im Blut und in anderen Körperflüssigkeiten zirkulieren – deuten darauf hin, dass Tierärzt:innen möglicherweise schon bald frühe kardiale Veränderungen erkennen können, noch bevor herkömmliche diagnostische Verfahren Auffälligkeiten zeigen. 

Prävention im Fokus: Der Wandel in der Veterinärmedizin

Die Veterinärmedizin wird zunehmend von einem proaktiven, präventiven Ansatz geprägt. Das Ziel ist, Erkrankungen früh zu erkennen um rechtzeitig einzugreifen, bevor klinische Symptome auftreten. Über Jahrzehnte hinweg konzentrierte sich die Diagnostik vor allem darauf, Erkrankungen festzustellen, wenn klinische Anzeichen, biochemische Veränderungen oder bildgebende Befunde bereits sichtbar waren. Heute verschiebt sich der Fokus zunehmend in Richtung Präzisionsmedizin: Identifizierung von Risikopatienten bevor eine Erkrankung klinisch auffällig wird. Dieser Wandel wird durch Fortschritte in der molekularen Diagnostik und Datenanalyse vorangetrieben. Dabei wächst das Interesse an MikroRNAs (miRNAs) – kleinen regulatorischen Molekülen, die Einblicke in biologische Veränderungen auf zellulärer Ebene ermöglichen, lange bevor strukturelle Erkrankungen erkennbar werden. Sie zählen zu den vielversprechendsten aktuellen Entwicklungen.

Was genau sind MikroRNAs?

MikroRNAs sind eine vielfältige Gruppe kurzer RNA-Moleküle, von denen zahlreiche unterschiedliche Typen in nahezu jeder Körperzelle vorkommen. Sie befinden sich sowohl innerhalb der Zellen als auch im Blutkreislauf und zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Stabilität in verschiedenen Körperflüssigkeiten aus – darunter Serum, Plasma, Urin, Speichel und Milch. Diese Eigenschaften machen sie zu leistungsfähigen und gut zugänglichen diagnostischen Biomarkern, die sich mittels nicht-invasiver Probenentnahme bestimmen lassen. Anstatt selbst Proteine zu bilden, regulieren MikroRNAs die Genexpression und wirken dabei wie molekulare Schalter, die Gene hoch- oder runterregulieren oder vollständig abschalten können. Diese molekularen Veränderungen können sehr früh im Krankheitsverlauf auftreten – oft noch bevor klinische Symptome oder bildgebende Auffälligkeiten sichtbar werden. Dadurch sind MikroRNAs besonders attraktiv als Marker für eine frühzeitige Diagnostik.

Moderne diagnostische Verfahren betrachten die Aktivität vieler MikroRNAs gleichzeitig. Daraus entstehen charakteristische molekulare „Signaturen“, die bestimmten Gesundheitszuständen oder Erkrankungen zugeordnet werden können. Um solche komplexen Daten sinnvoll auszuwerten, kommen moderne Analyseverfahren und künstliche Intelligenz zum Einsatz. Trainiert mit umfangreichen Datensätzen lernen Algorithmen, typische Muster zu identifizieren, die mit bestimmten Erkrankungen verbunden sind. Für die behandelnden Tierärzt:innen wird das Ergebnis in eine klare, klinisch nutzbare Einschätzung übersetzt – etwa gesund, krank oder mit erhöhtem Risiko.

MikroRNAs sind in der Lage, subtile biologische Veränderungen sichtbar zu machen, die mit herkömmlichen diagnostischen Verfahren oft nicht erfasst werden."

Manuela Ridgeway

MikroRNAs in der Praxis: Integration in den klinischen Alltag 

Für Tierärzt:innen in der Primärversorgung sind mikroRNA-basierte Tests kein Ersatz für bewährte diagnostische Verfahren. Die klinische Untersuchung, bildgebende Diagnostik und klassische Labortests bleiben unverzichtbare Elemente der täglichen Praxis. MikroRNAs liefern vielmehr eine zusätzliche Ebene an Informationen: Sie können helfen, Krankheiten früher zu erkennen, unklare Befunde besser einzuordnen und das Monitoring gezielter zu gestalten.

Einsatzmöglichkeiten in der veterinärmedizinischen Kardiologie

Die MikroRNA-Forschung eröffnet in vielen Bereichen neue Möglichkeiten – besonders vielversprechend zeigt sich dabei die veterinärmedizinische Kardiologie. Herzerkrankungen entwickeln sich oft langsam und bleiben lange unentdeckt. Strukturelle Veränderungen im Myokard oder an den Herzklappen können über Monate oder sogar Jahre bestehen, bevor Herzgeräusche, Arrhythmien oder klinische Anzeichen einer Herzinsuffizienz auftreten. Für Tierärzte in der Primärversorgung ist die frühe Erkennung daher oft schwierig: Klinische Anzeichen fehlen oder sind unspezifisch, weiterführende Diagnostik ist nicht immer verfügbar, Kosten spielen eine Rolle – und frühe Befunde sind nicht immer eindeutig zu interpretieren.

Aktueller Stand der Forschung

Die Forschung der letzten Jahre zeigt: Mit der Entwicklung von Herzerkrankungen verändern sich auch die Muster zirkulierender MikroRNAs. Sowohl in der felinen als auch der caninen Kardiologie liegen bereits vielversprechende Ergebnisse vor. Bei Katzen konnte gezeigt werden, dass sich solche mit hypertropher Kardiomyopathie (HCM) anhand von MikroRNA-Profilen mit guter Genauigkeit von gesunden Katzen unterscheiden lassen [1]. Aktuelle Daten, die bereits internationale Anerkennung erhalten haben (unter anderem auf dem ACVIM Forum 2025 in den USA), bestätigen diese Entwicklung. Das ist besonders relevant, da HCM oft lange unentdeckt bleibt – vor allem bei Katzen ohne Herzgeräusch oder wenn nicht sofort eine Echokardiographie möglich ist. MikroRNA-Tests könnten hier helfen, frühzeitig Hinweise zu erkennen und zu entscheiden, welche Patienten genauer untersucht oder engmaschiger kontrolliert werden sollten. Auch beim Hund zeigen sich bei der myxomatösen Mitralklappen Erkrankung (MMVD) deutliche Unterschiede in der MikroRNA-Aktivität zwischen gesunden und erkrankten Patienten [2]. Dabei nimmt die Aktivität mit dem Fortschreiten der Erkrankung zu, sodass sich frühe (noch symptomlose) und spätere Stadien klar voneinander abgrenzen lassen [3].  Bereits eine simple Blutprobe kann hierfür ausreichen und aussagekräftige Ergebnisse mit guter Sensitivität und Spezifität liefern – ein wichtiger Aspekt für den Einsatz in der Praxis.

Für die dilatative Kardiomyopathie (DCM) gibt es erste vielversprechende Daten [1,4]. MikroRNA-Profile können betroffene Hunde erkennen und damit helfen, DCM von MMVD zu unterscheiden. Das ist klinisch besonders relevant, da sich beide Erkrankungen ähnlich präsentieren können, jedoch unterschiedliche Therapieansätze erfordern. Insgesamt zeigen aktuelle Studien, dass MikroRNAs das Potenzial haben, Herzerkrankungen früher zu erkennen, besser zu unterscheiden und die Diagnostik sinnvoll zu ergänzen - insbesondere dann, wenn weiterführende Untersuchungen wie Ultraschall nicht sofort verfügbar sind. Für die tierärztliche Praxis bedeutet das: Patienten könnten früher identifiziert und gezielter betreut werden

Über die Kardiologie hinaus: Neue Anwendungsbereiche

Die Kardiologie zählt derzeit zu einem der dynamischsten und besonders relevanten Forschungsfeldern. Traditionell ist die Onkologie aber weiterhin als das aktivste und am weitesten entwickelte Anwendungsgebiet der MikroRNA Forschung. Gleichzeitig weitet sich die Forschung zunehmend auf zahlreiche weitere veterinärmedizinische Fachgebiete aus. Studien in der Inneren Medizin und Nephrologie untersuchen, inwieweit zirkulierende oder im Urin nachweisbare MikroRNAs eine frühere Erkennung und eine präzisere Einordnung von Erkrankungen ermöglichen können.

Take Home Message

Über all diese Bereiche hinweg zeichnet sich ein klares Bild ab: MikroRNAs sind in der Lage, subtile biologische Veränderungen sichtbar zu machen, die mit herkömmlichen diagnostischen Verfahren oft nicht erfasst werden.

Literatur

  • Hanks E. Application of a Novel MicroRNA Platform to Cardiac Disease Diagnoses in Companion Animals. American College of Veterinary Internal Medicine (ACVIM) Forum; 2025 June 19.
  • Guelfi G, Santarelli N, Capaccia C, Valeri F, Caivano D, Lepri E. MicroRNA Expression Profiling in Canine Myxomatous Mitral Valve Disease Highlights Potential Diagnostic Tool and Molecular Pathways. Vet Sci. 2025;12(11):1029.
  • Palarea-Albaladejo J, Bode EF, Partington C, Basili M, Mederska E, Hodgkiss-Geere H, et al. Assessing the use of blood microRNA expression patterns for predictive diagnosis of myxomatous mitral valve disease in dogs. Front Vet Sci. 2024; 11:1443847.
  • Dukes-McEwan J. Novel microRNA profiling for the detection of canine dilated cardiomyopathy. Veterinary Cardiovascular Society Autumn Meeting; 2025 Nov 7.