Evaluierung eines laufbandgestützten, submaximalen Fitnesstests bei brachycephalen Hunden am Beispiel der Rasse Mops

R. Mach, P. S. Wiegel, J.-P. Bach, I. Nolte - Klinik für Kleintiere, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

Einleitung und Hintergrund

Brachycephalie ist eine durch Züchtung entstandene Verkürzung des Schädels. Durch den relativ groß wirkenden, rundlichen Kopf und die großen, tiefliegenden Augen weisen brachycephale Rassen Merkmale von juvenilen Menschen und Tieren auf, die sie instinktiv attraktiv auf den Menschen wirken lassen (Lorenz a. Martin 1971). Im Zusammenhang mit diesem Phänotyp stehen allerdings bei Überbetonung dieser Merkmale unter anderem neurologische, ophthalmologische und gastrointestinale Erkrankungen beim Hund (Poncet et al. 2005; Asher et al. 2009; O’neill et al. 2020). Die bekannteste, oftmals auch schwerwiegendste und mit erheblichem Leiden verbundene Erkrankung brachycephaler Hunde betrifft jedoch den oberen Respirationstrakt und ist das sogenannte Brachycephalen-Syndrom (Brachycephalic Obstructive Airway Syndrome, BOAS). Hunde, die von BOAS betroffen sind, können unterschiedlich schwerwiegende Symptome ausprägen, wie zum Beispiel Atemgeräusche, Belastungsintoleranz, Hitzeintoleranz bis hin zu Dyspnoe, Synkopen oder Zyanosen (Hendricks 1992; Roedler et al. 2013). Therapeutisch kann in schwereren Fällen nur eine chirurgische Korrektur helfen. Trotz bekannter Einschränkungen, die mittlerweile auch vielen Besitzern brachycephaler Hunde bewusst sind (Steinert et al. 2019), sind die Vertreter dieser Rassen nach wie vor in Deutschland beliebt.

Aktuelle Studien mit Fokus auf dem Einfluss von bestimmten Körperkonformitäten auf das Vorhandensein von BOAS weisen allerdings teilweise widersprüchliche Ergebnisse auf. So wurde zum Beispiel in einer Studie die „craniofacial ratio“ (Verhältnis von Nasenlänge zu Kopflänge) als wesentlicher Einflussfaktor identifiziert, in zwei weiteren Studien zeigte sich jedoch nur noch ein schwacher Zusammenhang von kürzeren Schnauzen und dem Auftreten von BOAS (Packer et al. 2015; Liu et al. 2017; Ravn-Mølby et al. 2019). Somit scheint die Schnauzenlänge nicht immer der alleinige und entscheidende Faktor für die Ausprägung von BOAS zu sein und weitere, einflussnehmende Faktoren müssen identifiziert werden, um die Erkrankung besser zu verstehen und zu verhindern. Als wichtiger Bestandteil zur Verminderung des durch das BOAS verursachten Tierleids ist neben der Aufklärung eine gezielte Zucht auf gesunde Vertreter, wodurch eine dauerhafte Verbesserung der Gesundheit betroffener Rassen angestrebt werden kann. Um dies zu erreichen wird in Deutschland in vielen Vereinen ein Belastungstest zur Zuchtzulassung eingesetzt, welcher jedoch nicht unter standardisierten Bedingungen oder einer konstanten Belastung durchgeführt wird. Die Evaluierung unter zunächst standardisierten Bedingungen ist jedoch notwendig, um bei der Bewertung möglicher Auswahlkriterien einen Einfluss durch unterschiedliche Durchführungsbedingungen auszuschließen und reproduzierbare Ergebnisse zu erhalten.

Brachycephalie birgt viele Erkrankungen, die im Fall von BOAS das Tierwohl stark einschränken und lebensbedrohlich sein können. Die Gesundheit brachycephaler Rassen muss daher in Zukunft in Deutschland verstärkt in den Fokus gestellt werden."

Pia Wiegel, TiHo Hannover

Objektive Auswahlkriterien: Laufbandgestützter Belastungstest

Zu diesem Zweck wird an drei Hochschulstandorten für Veterinärmedizin in Deutschland (Gießen, Hannover, München) unter standardisierten Bedingungen ein submaximaler, laufbandgestützter Belastungstest - oder auch „Fitnesstest“ - evaluiert. Laufband-Belastungstests, die derzeit ihre Anwendung in der Kleintiermedizin zu wissenschaftlichen Zwecken finden, bieten hier interessante Möglichkeiten: durch das Laufband wird eine gleichmäßige Belastung bei einer festen Laufgeschwindigkeit und eine genaue Überwachung der Herzfrequenz ermöglicht. Somit können auch individuelle Rasseunterschiede, die beim Hund extrem ausfallen können, besser verglichen und weitere Einflüsse, wie stark schwankende Außentemperaturen je nach Zeitpunkt der Durchführung, verhindert werden. Ein solcher individueller, laufbandgestützter Belastungstest konnte bereits bei Patienten mit beginnender Mitralklappenerkrankung entwickelt und auf seine Aussagekraft überprüft werden (Wall et al. 2018). Dieser Test wurde inzwischen auch zur Untersuchung des Effekts einer Therapie mit Pimobendan in diesem frühen Stadium der Erkrankung eingesetzt (Iwanuk et al. 2019a; Iwanuk et al. 2019b).

Ergänzend werden an jedem Hochschulstandort zusätzliche Untersuchungen durchgeführt, um weitere möglichst objektive Beurteilungskriterien zu finden. In Hannover wurde das Herz- und Kreislaufsystem miteinbezogen. Der nasale Luftfluss von Möpsen mit sogenannten Retromöpsen wird unter anderem in Gießen verglichen. In München wird der Kortisolspiegel im Speichel der Hunde untersucht. Zu diesen Ergebnissen wird auf dem DVG-Vet-Congress 2021 vorgetragen.

Der Fitnesstest wurde durch die Gesellschaft zur Förderung Kynologischer Forschung e.V. (gkf) und dem Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) gefördert. Ziel ist es, einen standardisierbaren und praxisorientierten Test zu entwickeln, der in Zukunft als Grundlage für die Zuchtentscheidung beim Mops – und im weiteren Verlauf auch bei anderen brachycephalen Hunderassen – angewandt werden kann. Besitzer und Züchter von Möpsen wurden über den VDH und deren in Kooperation stehende Zuchtverbände und die gkf informiert und angeschrieben, ob Sie bereit sind, mit Ihren Tieren an der Studie teilzunehmen. Außerdem wurde der Fitnesstest in sozialen Netzwerken geteilt und Besitzer konnten sich bei Interesse melden. Über zwei Jahre alte, reinrassige Hunde, die keine vorangegangenen Atemwegsoperationen erhalten haben, waren zur Teilnahme eingeladen.

Ziel ist es, einen standardisierbaren und praxisorientierten Test zu entwickeln, der in Zukunft als Grundlage für die Zuchtentscheidung beim Mops – und im weiteren Verlauf auch bei anderen brachycephalen Hunderassen – angewandt werden kann."

Rebekka Mach, TiHo Hannover

Ablauf des Fitnesstests

Nach einer ausführlichen Anamnese und klinischen Allgemeinuntersuchung werden die Probanden zunächst an Raum und Laufband gewöhnt. Der Test wird bei Raumtemperaturen von 20-24°C durchgeführt. Es wird eine für jedes Tier individuelle Laufgeschwindigkeit im Trab ermittelt, welche zwischen 4 und 8 km/h liegt. Nach einer weiteren, 15-minütigen Pause folgt dann der eigentliche Fitnesstest: Hierbei laufen die Probanden unter ständiger Kontrolle der Herzfrequenz insgesamt 15 Minuten, wobei nach fünf und zehn Minuten jeweils eine Messpause von einer Minute zur Erhebung von Körperinnentemperatur, Atemfrequenz und Atemgeräusch stattfindet. Die Pulsfrequenz muss sich während der Belastung um mindestens 40 % bezogen auf den Ausgangswert steigern. Sollte die Herzfrequenz auf einen Wert von über 220/min ansteigen, oder sollten Probanden Symptome wie Dyspnoe oder starken vermehrten inspiratorischen Aufwand bei sichtlichem Unwohlsein zeigen, wird der Test abgebrochen. Nach der Belastung erfolgt eine Erholungsphase von mindestens 15 Minuten beziehungsweise bis zur vollständigen Erholung, in der weiterhin die genannten Parameter und der Zeitpunkt der Rückkehr auf die Ruhewerte festgehalten werden.

Fazit

Brachycephalie birgt viele Erkrankungen, die im Fall von BOAS das Tierwohl stark einschränken und lebensbedrohlich sein können. Die Gesundheit brachycephaler Rassen muss daher in Zukunft in Deutschland verstärkt in den Fokus gestellt werden. Um dies zu erreichen, soll ein standardisierbarer, laufbandgestützter, submaximaler Belastungstest entwickelt werden, der zusätzlichen mit weiteren, geeigneten Kriterien als Grundlage für die Zuchtentscheidung herangezogen werden kann. Somit soll dann eine Selektion auf die Gesundheit der Zucht auf rein äußerliche Merkmale bei brachycephalen Rassen vorgezogen werden.

Literatur

Asher, L., G. Diesel, J. F. Summers, P. D. Mcgreevy a. L. M. Collins (2009): Inherited defects in pedigree dogs. Part 1: disorders related to breed standards. The Veterinary Journal 182, 402-411

Hendricks, J. C. (1992): Brachycephalic airway syndrome. Veterinary Clinics of North America: small animal practice 22, 1145-1153

Iwanuk, N., I. Nolte, L. Wall, M. Sehn, J. Raue, A. Pilgram, K. Rumstedt a. J.-P. Bach (2019a): Effect of Pimobendan on NT-proBNP and c troponin I before and after a submaximal exercise test in dogs with preclinical mitral valve disease without cardiomegaly–a randomised, double-blinded trial. BMC veterinary research 15, 1-11

Iwanuk, N., L. Wall, I. Nolte, J. Raue, K. Rumstedt, A. Pilgram, M. Sehn, K. Rohn a. J.-P. Bach (2019b):
Effect of pimobendan on physical fitness, lactate and echocardiographic parameters in dogs with preclinical mitral valve disease without cardiomegaly.
PloS one 14, e0223164

Liu, N. C., E. L. Troconis, L. Kalmar, D. J. Price, H. E. Wright, V. J. Adams, D. R. Sargan a. J. F. Ladlow (2017): Conformational risk factors of brachycephalic obstructive airway syndrome (BOAS) in pugs, French bulldogs, and bulldogs. PLoS One 12, e0181928

Lorenz, K. a. R. Martin (1971): Studies in animal and human behaviour.

O’neill, D. G., C. Pegram, P. Crocker, D. C. Brodbelt, D. B. Church a. R. M. A. Packer (2020): Unravelling the health status of brachycephalic dogs in the UK using multivariable analysis. Scientific reports 10, 1-13

Packer, R. M. A., A. Hendricks, M. S. Tivers a. C. C. Burn (2015): Impact of facial conformation on canine health: brachycephalic obstructive airway syndrome. PLoS One 10, e0137496

Poncet, C. M., G. P. Dupre, V. G. Freiche, M. M. Estrada, Y. A. Poubanne a. B. M. Bouvy (2005): Prevalence of gastrointestinal tract lesions in 73 brachycephalic dogs with upper respiratory syndrome. Journal of small animal practice 46, 273-279

Ravn-Mølby, E.-M., L. Sindahl, S. S. Nielsen, C. S. Bruun, P. Sandøe a. M. Fredholm (2019): Breeding French bulldogs so that they breathe well—A long way to go. PloS one 14, e0226280

Roedler, F. S., S. Pohl a. G. U. Oechtering (2013): How does severe brachycephaly affect dog’s lives? Results of a structured preoperative owner questionnaire. The Veterinary Journal 198, 606-610

Steinert, K., F. Kuhne, M. Kramer a. H. Hackbarth (2019): People's perception of brachycephalic breeds and breed-related welfare problems in Germany. Journal of Veterinary Behavior 33, 96-102

Wall, L., A. Mohr, F. L. Ripoli, N. Schulze, C. D. Penter, S. Hungerbuehler, J.-P. Bach, K. Lucas a. I. Nolte (2018): Clinical use of submaximal treadmill exercise testing and assessments of cardiac biomarkers NT-proBNP and cTnI in dogs with presymptomatic mitral regurgitation. PloS one 13, e0199023