Nicht nur ein Übel ! - Brachyzephales Syndrom (BZS) in der klassischen Bildgebung

Bedingt durch die zunehmende Beliebtheit brachyzephaler Rassen müssen wir uns als Tierärzt:innen immer mehr mit den verschiedenen Erkrankungen dieser Rassen auseinandersetzen. Hier stehen vor allem Atemwegserkrankungen im Vordergrund, die sich nicht nur auf die oberen, sondern auf die gesamten Atemwege beziehen. Aber auch viele weitere Organsysteme weisen bei den brachyzephalen Vertretern spezifische Veränderungen auf. Definiert wird die Brachyzephalie als eine aus einem abnorm kurzen Schädel bestehende Fehlbildung.

Das Brachyzephale Syndrom ergibt sich resultierend aus der Kurzköpfigkeit bei verhältnismäßig überschüssigem Weichteilgewebe und u.a. einer Verengung der Nasenöffnungen, einer relativen Hypertrophie der Konchenstrukturen bei teils kaudal aberrantem Wachstum, einem verlängerten und verdickten Gaumensegel, häufig vergrößerten Tonsillen und evertierten Laryngealtaschen.

Besonderheiten bei der Diagnostik

Brachyzephale Tiere weisen i.d.R. ein erhöhtes Narkoserisiko auf und werden vor allem aufgrund von Atembeschwerden vorstellig. Hierbei sollte immer als Diagnostik der ersten Wahl auf die klassische Bildgebung, u.a. in Form der Projektionsradiographie, zurückgegriffen werden. Dabei kann die Atemwegsproblematik prinzipiell auch zu einer Einschränkung in der Durchführung der jeweiligen Untersuchung führen, da stark betroffene Tiere in Rückenlage zügig in Dyspnoe verfallen können. In der Röntgendiagnostik bietet sich hier alternativ das Anfertigen einer dorsoventralen Projektion an. Aufgrund der bei brachyzephalen Hunden oftmals markanten Thoraxform (tonnen-/v-förmig) kann die adäquate Lagerung, insbesondere bei Röntgenaufnahmen in laterolateraler Projektionsebene, durchaus erschwert sein.

Brachyzephale Hunde weisen im Vergleich zu normozephalen Rassen nachgewiesenermaßen eine verlängerte Magenpassage auf. Oftmals liegt zusätzlich eine Magenentleerungsstörung vor, sodass man trotz vorangegangener Nüchternheit einen futtergefüllten Magen vorfindet. Dies kann die sonographische Untersuchung einschränken, insbesondere was die Beurteilung der Leber angeht. Auch bei ausgeprägter Atemwegsproblematik und damit verbundener, teils chronischer Aerophagie, ist die sonographische Untersuchung durch einen größtenteils gasgefüllten Magen-Darm-Trakt nur eingeschränkt möglich.

Projektionsradiographie

Knöcherne Strukturen: Entlang der Brustwirbelsäule brachyzephaler Hunde sind regelmäßig Wirbelfehlbildungen in Form von Keil-, Schmetterlings- oder Halbwirbeln ersichtlich, teils begleitet von Kyphosen oder Skoliosen. Als Folge sind häufig bereits bei jungen brachyzephalen Tieren degenerative Erscheinungen in Form von Spondylosen oder einer vermehrten Sklerosierung der Wirbelkörperendplatten ersichtlich. Auch fusionierte Wirbelkörper oder Dornfortsätze, sogenannte „kissing spines“, treten bei brachyzephalen Tieren gehäuft auf. Bei den bekannt chondrodystrophen brachyzephalen Rassen können in vielen Fällen bereits röntgenologisch mineralisierte Bandscheiben nachgewiesen werden. Auch Deformitäten wie ein ausgebildetes Pectus excavatum bei Malteser und Englischer Bulldogge oder ein Pectus carinatum bei Mops und Französischer Bulldogge sind vermehrt beschrieben. Bei einem überwiegenden Anteil Französischer Bulldoggen liegt zudem eine Fehlbildung der Schwanzwirbelsäule vor. Diese stellt sich stark verkürzt mit deformierten und teils fusionierten Wirbeln dar. Eine weitere Besonderheit, die häufig junge Französische Bulldoggen betrifft, ist eine unvollständige Ossifikation der Humeruskondylen als Folge einer Entwicklungsstörung. Dies stellt eine Prädisposition für traumabedingte Läsionen in diesem Bereich dar, sodass die Tiere bereits nach einem Bagatelltrauma mit einer Fraktur (Epicondylus-, Y-Fraktur) vorstellig werden.

Das Brachyzephale Syndrom ergibt sich resultierend aus der Kurzköpfigkeit bei verhältnismäßig überschüssigem Weichteilgewebe und u.a. einer Verengung der Nasenöffnungen, einer relativen Hypertrophie der Konchenstrukturen bei teils kaudal aberrantem Wachstum, einem verlängerten und verdickten Gaumensegel, häufig vergrößerten Tonsillen und evertierten Laryngealtaschen."

Tanja Siegel, Klinik für Kleintiere der Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig

Herz

Aufgrund der Wirbelfehlbildungen ist eine objektive Einschätzung der Herzgröße brachyzephaler Patienten unter Anwendung des Vertebral Heart Score Systems röntgenologisch oft nicht möglich, da kein adäquates Messverhältnis vorliegt. Im Vergleich zu anderen Hunderassen stellen sich die Herzen brachyzephaler Hunde im Verhältnis zum Thorax subjektiv prominenter dar, in der Regel jedoch ohne eine real vorliegende Kardiomegalie. Auch objektiv gemessen (falls möglich) liegt der VHS zwar höher als bei normozephalen Rassen, dies lässt sich in der Regel jedoch mit den generalisiert kürzer ausgebildeten Wirbelkörpern, welche besonders z.B. bei Boxer und Cavalier King Charles Spaniel beschrieben sind, erklären. Aus diesem Grund wird in einigen Studien die Verwendung rassespezifischer Cut-off-Werte für die Messung des VHS beim Hund empfohlen. Hiermit soll eine Überinterpretation von Kardiomegalien brachyzephaler Tiere vermieden werden.

Mediastinum

Bei brachyzephalen Hunden stellt sich das Mediastinum vorwiegend im kranialen Anteil in der Regel deutlich breiter als bei normozephalen Rassen dar. Für gewöhnlich liegt hier lediglich eine Tendenz zur Akkumulation von mediastinalem Fettgewebe vor, teilweise lassen sich dort als Zufallsbefund auch mediastinale Zysten (i.d.R. nur in der CT-Diagnostik sichtbar) darstellen. In der Röntgenuntersuchung kann das verbreiterte Mediastinum durch Überlagerung eine vorliegende Pathologie wie einen mediastinalen Erguss oder eine Umfangsvermehrung sonstigen mediastinalen Ursprungs verschleiern.

Lunge

Bei der Kombination von breitem Mediastinum, prominenter Herzsilhouette sowie den beschriebenen knöchernen Gegebenheiten im Thorakalbereich verbleibt in der Regel nur ein kleines Lungenfeld, sodass eine adäquate Beurteilung der Lunge in der Röntgendiagnostik verhältnismäßig schwerfällt. Eine häufige Indikation für Röntgenaufnahmen des Thorax bei brachyzephalen Tieren ist der Verdacht einer Aspirationspneumonie, insbesondere da die Tiere oft mit vermehrtem Regurgitieren in der Aufwachphase nach einer erfolgten Narkose auffallen, aber auch brachyzephale Welpen werden gehäuft mit dieser Fragestellung vorstellig. Aufgrund des häufigen Auftretens eines adipösen Zustandes bei den brachyzephalen Vertretern wird die Beurteilung durch die starke Überlagerung in der Projektionsradiographie ebenfalls erschwert.

Trachea

Intrathorakal lässt sich mittels objektiver Messung eine insbesondere bei Englischen Bulldoggen stark ausgeprägte Hypotrachea nachweisen. Für diese Messung wird in einer Röntgenaufnahme im laterolateralen Strahlengang der Durchmesser des Brusteingangs zwischen dem ersten Brustwirbel und dem Manubrium sterni ausgemessen und auf gleicher Höhe der Trachealdurchmesser bestimmt. Hieraus lässt sich die entsprechende Ratio von Trachea zu Brusteingang bestimmen. In der Literatur sind für das Vorliegen einer Hypotrachea Cut-off-Werte von 0.2 für normozephale Hunderassen, 0.16 für Brachyzephale und 0.12 für Englische Bulldoggen im Speziellen beschrieben.

Neben einer Hypoplasie liegt im Bereich der Trachea bei den brachyzephalen Rassen, u.a. häufig bei Yorkshire Terrier und Mops, des Öfteren ein Trachealkollaps vor. Dieser stellt sich röntgenologisch in Form einer Verschmälerung bzw. weichteildichten Verschattung des Tracheallumens dar und ist nicht in allen Fällen abschließend sicher röntgenologisch zu diagnostizieren. Wichtig ist hierbei eine adäquate Lagerung des Patienten, da es ansonsten schnell zu einer Überlagerung mit dem Weichteilgewebe im Hals- bzw. Brusteingangsbereich kommen kann und ein Kollaps subjektiv vorgetäuscht wird.

Die in der klassischen Bildgebung darstellbaren Veränderungen bei brachyzephalen Tieren sind sehr mannigfaltig und betreffen multiple Organsysteme. Neben den typischen Problematiken im Kopfbereich gibt es noch eine Vielzahl an weiteren Veränderungen, die uns als Tierärzt:innen vor teils große Herausforderungen stellen, insbesondere in Hinblick auf die Beurteilung der klinischen Relevanz."

Tanja Siegel, Klinik für Kleintiere der Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig

Sonographie

Gastrointestinaltrakt. Die beschriebene Problematik des Regurgitierens durch den erhöhten intrathorakalen Unterdruck führt zu einer Reizung im Bereich der Speiseröhre und des Magens, sodass bei brachyzephalen Tieren sonographisch oft gastrale Veränderungen vorliegen, u.a. unspezifische Gastritiden im Sinne einer Magenwandverdickung, von der man bei einer Wanddicke über 5mm spricht.

Neben einer Gastritis kann bei brachyzephalen Tieren als häufiger sonographischer Befund eine Pylorusstenose nachgewiesen werden. Bei dieser liegt eine fokale konzentrische Hypertrophie der Tuncia muscularis und/oder eine Hyperplasie der Tunica mucosa vor. Am gastroduodenalen Übergang kann hier aufgrund der Stenose keine oder nur eine minimale Ingestapassage nachvollzogen werden. Der Magen weist hierbei oft Anzeichen einer Magenentleerungsstörung in Form einer sekundären Dilatation sowie einer nachvollziehbaren Sedimentation auf. Die kongenitale Stenose wird unterschieden von einer erworbenen chronisch hypertrophen Pylorusgastropathie. Bei Boxer und Boston Terrier ist insbesondere die kongenitale Form relevant, die erworbene hingegen bei kleineren Rassen wie Shih-Tzu oder Pekinese.

Abseits des Magens sind bei einzelnen brachyzephalen Rassen gehäuft chronisch entzündliche Enteropathien beschrieben, Boxer weisen hier mitunter eine Rasseprädisposition auf. Dies gilt ebens für die histiozytär-ulzerative Colitis, bei der sonographisch eine generalisierte Verdickung der Colonwand vorliegt. Diese ist auch bei Französischen und Englischen Bulldoggen beschrieben. Yorkshire Terrier weisen oftmals eine Proteinverlustenteropathie auf, welche auch sonographisch nachvollziehbar ist im Sinne von streifigen hyperechogenen Veränderungen der Tunica mucosa des Dünndarms.

Take Home Message

Die in der klassischen Bildgebung darstellbaren Veränderungen bei brachyzephalen Tieren sind sehr mannigfaltig und betreffen multiple Organsysteme. Neben den typischen Problematiken im Kopfbereich gibt es noch eine Vielzahl an weiteren Veränderungen, die uns als Tierärzt:innen vor teils große Herausforderungen stellen, insbesondere in Hinblick auf die Beurteilung der klinischen Relevanz. Um Fehlinterpretationen zu vermeiden, ist es umso wichtiger, sich mit den genannten Besonderheiten brachyzephaler Rassen ausreichend auseinanderzusetzen.

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