Prävakzinale Antikörperbestimmung als Tool für eine maßgeschneiderte Impfung?

Impfungen heute und damals: Früher war alles viel einfacher. Über viele Jahre hinweg gab es ein fixes Impfschema: Grundimmunisierung von Welpen mit 8 und mit 12 Lebenswochen und dann die jährlichen Nachimpfungen. Die heutigen Impfempfehlungen sehen eine wesentlich flexiblere Vorgangsweise vor, die sich an der Immunitätslage des einzelnen Individuums ausrichtet. Dabei ergeben sich für den optimalen Zeitpunkt der Impfungen zwei grundlegende Fragestellungen: Erstens ab wann sind Welpen erfolgreich impfbar und zweitens wie lange hält die Vakzine-induzierte Schutzwirkung (Duration of immunity – DOI) an und in welchen Intervallen sind daher Nachimpfungen vorzunehmen.

Die Impfbarkeit von Welpen hängt von der maternalen Versorgung des Welpen gegen den jeweiligen Erreger ab

Maternale Antikörper gegen verschiedene Erreger persistieren unterschiedlich lange. Gegen Leptospiren und Felines Herpesvirus z.B. hält der maternale Schutz wesentlich kürzer als gegen z.B. Parvoviren (Abb. 1). Außerdem spielt die Menge an aufgenommenen maternalen Antikörpern eine wichtige Rolle, was entscheidend dafür ist, ab wann der Antikörpertiter aufgrund der Halbwertszeit, mit der die Antikörper abgebaut werden, so weit abgesunken ist, dass Impfbarkeit besteht. Nachdem dieser Zeitpunkt ohne entsprechende Untersuchungen beim Einzeltier nicht bekannt ist, wird dieses Problem oft durch wiederholte Impfungen gelöst, um einen Zeitpunkt zu treffen, an dem die Impfung erfolgreich ist. Die derzeit gängigen Empfehlungen sehen ein gestaffeltes Impfprogramm im Zeitraum zwischen 6 und 20 Lebenswochen (abhängig auch vom Infektionsdruck) vor, um den Zeitpunkt der Impfbarkeit zu treffen. Damit wird aber in Kauf genommen, dass auch unwirksame Impfungen vorgenommen werden (Abb. 2). Für den Abschluss der Grundimmunisierung wird eine weitere Impfung im Alter von 10-16 Monaten empfohlen.

Die Vakzine-induzierte Dauer der Immunität (DOI) wurde lange Zeit unterschätzt

Aus diesem Grund waren jährliche Nachimpfungen die Regel¹. Inzwischen ist gut belegt, dass speziell virale Erreger und solche, die systemisch im Organismus verbreitet werden, eine langanhaltende Immunität induzieren. In Challenge-Studien wurden minimale DOI-Zeiten nach Impfung gegen Hundestaupe und Parvovirose von mindestens 7 Jahren beobachtet. Daher werden für Impfungen gegen die Core-Komponenten Hundestaupevirus, feline und canine Parvoviren, canines Adenovirus 1, felines Herpesvirus, felines Calicivirus in den meisten Fällen Impfintervalle von 3 Jahren empfohlen²⁻³, wobei diese Empfehlung eine minimale DOI berücksichtigt; bei den meisten Tieren besteht der Schutz wesentlich länger, oftmals nicht nur impfbedingt, sondern auch in Folge von subklinisch verlaufenen Feldinfektionen, was durch verschiedene Studien belegt wird. CAVE: Bei Leptospirose und Schleimhaut-assoziierten Erregern ist die DOI kurz, was jährliche Nachimpfungen erforderlich macht.

Eine wiederholte Impfung von Tieren, die bereits über einen Immunschutz verfügen, ist nicht sinnvoll

Gegen die mitunter vertretene Ansicht, „sicherheitshalber“ jährlich weiter zu impfen, spricht, dass Impfantigene von bereits immunen Tieren abneutralisiert werden. Sie führen zu keinerlei weiteren Immunreaktion⁴, bleiben also unwirksam. Diesem fehlenden Nutzen steht ein – wenn auch sehr geringes – Risiko einer negativen Impfnebenwirkung gegenüber, weshalb diese Vorgangsweise abzulehnen ist.

Die Lösung kann „Impfen unter Sicht“ sein

Aus den beschriebenen Gründen setzt sich immer mehr die Empfehlung einer individuellen Herangehensweise bei Impfungen durch. Es gilt also, den Immunstatus des individuellen Tieres gegen bestimmte Erreger zu prüfen, wofür sich vor allem Antikörperbestimmungen anbieten und die inzwischen verfügbaren Point-of-care Tests („Schnelltests“) praktische Tools bieten. Vor dem Einsatz dieser Tests sind allerdings zwei Fragestellungen zu beachten: erstens bei welchen Erregern eine Korrelation zwischen Antikörperstatus und Schutzzustand besteht und zweitens, ob passiv oder aktiv erworbene Antikörper nachgewiesen werden5.

Der Antikörperstatus und der Schutzzustand korrelieren nicht bei allen Erregern

Die humorale und die zelluläre Schiene der Immunantwort sind bei einzelnen Erregern unterschiedlich ausgebildet. Bei Herpesviren z. B. steht die zelluläre Immunität im Vordergrund, so dass bei diesen Viren dem quantitativen Nachweis von Antikörpern eine geringe Aussagekraft bezüglich des Schutzzustandes zukommt. Beim felinen Calicivirus steht die Schleimhautimmunität gegenüber den im Blut zirkulierenden Antikörpern im Vordergrund. Aus diesem Grund und wegen der hohen Variation an zirkulierenden Virusstämmen ist auch für dieses Virus ein Nachweis von Antikörpern im Blut von limitierter Aussagekraft. Eine gute Korrelation zwischen zirkulierenden Antikörpern und dem Schutzzustand liegt hingegen bei den felinen und caninen Parvoviren, beim Hundestaupevirus und beim caninen Adenovirus vor. Bei diesen Erregern bieten sich Antikörpertests an, um ein optimales Impfschema für das Individuum zu erstellen und unnötige Impfungen zu vermeiden.

Passiv erworbene Antikörper sind anders zu interpretieren als aktiv gebildete

Bei passiv erworbenen Antikörpern handelt es sich i.A. um maternal übertragene Antikörper. Die Menge der in den Welpen zirkulierenden Antikörper hängt vom Immunstatus der Mutter und der Menge an (kolostralen) Antikörpern ab, die der individuelle Welpe aufgenommenen hat. Der Schutz beruht also ausschließlich auf Antikörpern, die einer Halbwertszeit entsprechend abgebaut werden, so dass nach unterschiedlichen Zeitintervallen kein Schutz mehr gegeben ist. In diesem Fall korreliert der Schutzzustand mit dem vorliegenden Antikörpertiter. Es kann daher ein „protektiver Titer“ bestimmt werden, der durch eine quantitative Titerbestimmung (i.A. in einem Untersuchungslabor) erhoben wird.

Nach Feldinfektion oder Impfung (speziell mit Lebendvakzinen) hingegen werden vom Immunsystem aktiv sowohl humorale als auch - vom Erregertyp abhängig - zelluläre Immunmechanismen in Gang gesetzt. Auch die Bildung der „Memory cells“ („Gedächtniszellen“) spielt eine wesentliche Rolle. Sie persistieren lange und können bei neuerlichem Kontakt mit dem Antigen eine sehr rasche Boosterreaktion auslösen, unabhängig vom noch vorhandenen Antikörpertiter, so dass dem nachgewiesenen Antikörpertiter eine geringe Bedeutung zukommt. Der Begriff des „protektiven Titers“ trifft in diesem Fall nicht zu. Ein Nachweis von Antikörpern bei Tieren, bei denen passiv erworbene Antikörper ausgeschlossen werden können, bestätigt also, dass eine Immunreaktion abgelaufen ist und unabhängig von der Titerhöhe von einem Schutzzustand ausgegangen werden kann.

Antikörpertests eignen sich besonders zur Entscheidung über Nachimpftermine

Der Einsatz von Antikörpertests zur Entscheidung, ob eine Nachimpfung erforderlich ist, setzt sich immer stärker durch und bietet tatsächlich die Möglichkeit eines für das Individuum maßgeschneiderten Impfschemas. Für diesen Zweck sind keine Titer-bestimmungen erforderlich, es genügt ein qualitativer oder semi-quantitativer Nachweis, wozu sich die verfügbaren Point-of-care Tests („Schnelltests“) gut eignen.

Eine weitere hilfreiche Einsatzmöglichkeit bietet sich an, um den Zeitpunkt der Impfbarkeit von Hunde- und Katzenwelpen zu bestimmen. Allerdings wären dazu meist wiederholte Blutprobenentnahmen erforderlich, was in der Praxis schwer durchführbar und für die Welpen belastend ist. Hilfreich kann eine Kontrolle des Antikörpertiters nach Durchführung der Welpen-Impfserie sein um festzustellen, ob die Impfungen erfolgreich waren oder ob eine weitere Impfung erforderlich ist (oder ob es sich um einen Non-Responder handeln könnte).

Spezielle Einsatzgebiete sind auch Tiere, bei denen bereits früher Impfreaktionen aufgetreten sind, weshalb besonderes Augenmerk auf die Vermeidung von nicht erforderlichen Impfungen gelegt werden muss oder immunsupprimierte Tiere oder solche mit unbekannter Impfanamnese. Auch in Fällen von Seuchenausbrüchen (z.B. Parvoviren) in größeren Beständen oder Tierheimen kann der Einsatz von Antikörperbestimmungen einen raschen Überblick bieten, welche Tiere ungeschützt sind und für die daher spezielle Vorkehrungen (Impfungen, Isolierung etc.) zu treffen sind.

Dieser Beitrag ist die Zusammenfassung eines Vortrages, den die Autorin auf der 36. VÖK-Jahrestagung in Salzburg am 25. September 2022 gehalten hat.

Literatur

¹ Möstl K: Duration of vaccine-induced immunity. Eur J Comp An Pract 26/4, p4-p8, 2016

² ABCD Tool: Impfempfehlungen für Katzen nach Lebensweise. http://www.abcdcatsvets.org/wp...

³ Hartmann K, Kohn B, Moritz A, et al: Leitlinie zur Impfung von Kleintieren; StIKo Vet am FLI Stand 1.02.2019

⁴ Riedl M, Truyen U, Reese S, et al: Prevalence of antibodies to canine parvovirus and reaction to vaccination in client-owned, healthy dogs. Vet Rec January 1, 2016

⁵ ABCD Guideline: Vaccination and antibody titre testing; http://www.abcdcatsvets.org/va...