Michael Bolte: "Die jungen Wilden – wenn's mit dem Welpen anders als erwartet läuft."

Von wegen Easymann! Mein schwarz-weißer Großer Münsterländer war enorm anstrengend, als er im Alter von elf Wochen zu mir nach Hause kam. Ich glaube, Easymann war der Prototyp aller anstrengenden Welpen. Sie wissen bestimmt, wovon ich spreche: Die Kleinen sind den ganzen Tag aktiv und schlafen so gut wie nie, sie beißen ständig maßlos zu, pinkeln häufig in die Wohnung, sind nicht zu bändigen und können keine Sekunde alleine bleiben – als würden sie Unmengen Energydrinks konsumieren. Auch wenn sie eigentlich längst müde sind, kommt ihr Körper nicht zur Ruhe.

Ich kann gut nachvollziehen, wie sich Hundebesitzer fühlen, die auch so einen Easymann zu Hause haben und sich Rat suchend an mich wenden: Ist das noch normal? Sind wir bloß zu empfindlich? Was machen wir falsch? Wie soll das weitergehen? Das Verhältnis von normalen und anstrengenden Welpen hat sich in den letzten zehn Jahren verändert, ich erlebe, dass inzwischen jeder zweite oder dritte Welpe wie Easymann getaktet ist. Erstmal doof, trotzdem kein allzu großer Grund zur Sorge: Anders als man annehmen könnte, ist das Verhalten des jungen Hundes kein Ausdruck seines Charakters oder seiner Rasse, er ist nicht verzogen und seine Besitzer sind meist nicht unfähig mit ihm zurechtzukommen.

Sklaven ihres inneren Zustands

Anstrengende Welpen sind – vereinfacht gesagt – Sklaven ihres aktuellen inneren Zustands. Mit der richtigen Hilfe finden sie schnell in den grünen Bereich. Und das ist superwichtig! Es geht dabei um mehr, als allen in den ersten Wochen das Zusammenleben zu erleichtern. Warum ich diese Geschichte erzähle: Weil viele Verhaltensprobleme, mit denen ich beim erwachsenen Hund zu tun habe, ihren kleinen Anfang schon beim Welpen genommen haben. Wie sich bei tiefgreifender Verhaltensanalyse immer wieder herausstellt, waren die Welpen in diesen Fällen meistens auch insgesamt sehr anstrengend. Aus meiner Erfahrung gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen dem frühen inneren Zustand und der Verhaltensentwicklung. Ob mein Hund grundsätzlich entspannt durchs Leben geht oder ob er sich schnell aufregt, wovor er sich ängstigt oder was ihn freut, ob er Bellen oder Schwanzwedeln für eine gute Lösung hält – das alles basiert auf seinen Lernerfahrungen der Welpenzeit. Sie legen das Fundament für seine Entwicklung.

Was passiert denn nun in seinem Kopf?

Vereinfacht gesagt wird im Gehirn unseres Welpen auf Hochtouren „genetzwerkt“ – im Zusammenspiel mit der genetischen Ausstattung entwickeln sich aus einem Überangebot an Nervenzellen erst die Verschaltungen, die die Basis für sein späteres Denken und Lernen, Wahrnehmen und Verhalten bilden. Der Sinn dieser sogenannten Plastizität ist, dass jeder Welpe ein individuelles Gehirn ausbilden kann, das zu seiner ganz persönlichen Lebenswelt passt. Die Strukturierung funktioniert nach dem Prinzip: Verknüpfungen, die man immer wieder nutzt, werden stabilisiert, der Rest wird abgebaut; neue Erfahrungen knüpfen an frühere Erfahrungen an. Was sachlich klingt, ist in Wirklichkeit ein hochemotionaler Vorgang – wie wir aus der Neurobiologie heute wissen, bestimmt das subjektive Empfinden unseres Welpen, wie Neues bewertet, gespeichert und erinnert wird. Idealerweise von Beginn an richtig! Denn auch wenn ein Gehirn zeitlebens lernen kann: Was früh verankert wird, genießt besonders hohe Stabilität. Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance, sagt man. Und der ist offenbar Gefühlssache. Logisch, dass man gerade in dieser sensiblen Zeit einen ausgeruhten, klaren Kopf benötigt – der anstrengende Welpe hat ihn nicht.

Mit seiner Vorliebe für den Menschen macht der Hund es uns im Umgang leicht. Ich sorge dafür, dass er an meiner Seite sein soziales Potenzial entwickeln kann – das ist für mich die eigentliche Erziehung. Auf dieser Basis kann ich ihm eine Brücke in unser modernes Leben bauen.“

Michael Bolte, Coach und Gründer von Dogdactics

Wie war das mit meinem Easymann?

Für Ruhe und Entspannung hatte er keine Zeit. Aber von Bellen, Kauen, Spielen und Blödsinn aushecken konnte er nicht genug bekommen. Die Unruhe, die von ihm ausging, spiegelte seinen inneren Zustand: Aufregung, Anspannung, Impulsivität – Easymann zeigte Stress-Symptome. An sich ist Stress nichts Negatives, sondern eine überlebenswichtige Anpassung an die eigene Umwelt. Der Körper mobilisiert all seine Energie, um je nach Situation Wegrennen, Angreifen oder in einen Freudentaumel ausbrechen zu können. Bei Easymann allerdings war der Stress höher als normal – ein Zustand, den ich so nicht lassen konnte. Denn ob positiv oder negativ: Stress kann Einfluss auf die Einschätzungen und Reaktionen nehmen, die komplexen Verschaltungen im sich entwickelnden Gehirn behindern und den Aufbau der ausgeglichenen, soliden Verhaltensbasis stören, die wir uns für unseren Welpen wünschen. Nicht gut also, wenn aus dem naturgegebenen Potential zur schnellen physischen und psychischen Erregung beim anstrengenden Welpen ein Dauerzustand wird.

Liegt es vielleicht an der Mutter oder am Züchter, dass der Welpe sich wie elektrisiert verhält? Ist er gesund? Sind der Umgang mit ihm und die Erwartungen an ihn altersgerecht? Hat er etwas falsch gelernt oder verstanden? Eigentlich gibt es nie eine einzige Ursache, oft sind es Nuancen im Dreiklang aus genetischen, sozialen und Umweltfaktoren, die den Unterschied machen und die es herauszufinden und zu behandeln gilt. Damit auch ein anstrengender Welpe die besten Chancen für seine Entwicklung bekommt, Angst oder Aggression, Gereiztheit oder Nervosität gar nicht erst zu seinem Leitmotiv werden können und die Qualität der Beziehung zu seinem Besitzer oder seiner Familie nicht ernsthaft Schaden nimmt. Beim anstrengenden Welpen lässt sich nämlich eine besondere Eigendynamik beobachten: Weil er so nervig ist, erhält er weniger Zuneigung – unbewusst oder aus Unsicherheit. Vielleicht wird er ambivalent oder besonders streng behandelt. Und im Gegenzug empfindet dieser junge Hund weniger Geborgenheit. Oft hilft schon ein beratendes Gespräch, mehr Gelassenheit ins Miteinander zu bringen – weil man Zweifel ausräumen kann und sich in kompetenten Händen weiß.  

FAZIT

Natürlich war Easymann auch für mich anstrengend. Trotzdem konnte ich entspannt bleiben, die logische Vorgehensweise zur Verbesserung der Situation lag auf der Hand: weniger Engergydrinks! Stattdessen Ausgeglichenheit, Sicherheit und Vertrauen und die richtige Balance aus Anregung und Ruhe. Dafür gibt es keinen "Fünf-Punkte-Plan", nur eine individuelle Herangehensweise, die mögliche Ursachen und Rasse sowie Hund, Familie und neue Umwelt einbezieht. Easymann hat seine Erregung ganz schnell auf ein normales Maß regulieren können, bereits nach eine Woche war er der chillige und knuffige Welpe, den ich mir gewünscht habe.

Seit mehr als neun Jahren ist er nun ein lässiger und cooler Begleiter – Nomen est eben Omen.

Wer mehr über Michael Bolte und seine beiden Hunde lesen möchte, klickt in den Artikel: Hundeexperte und -coach Michael Bolte: "Mit allen Hundesinnen"