Wangerooge: "Die schönste Hundewiese der Welt"

Portrait Andreas Moll
von Andreas Moll – 11.09.2018

Stadthund Pepples nebst Herrchen machen Kurzurlaub. Raus aus dem ca. 400 Kilometer entfernten Köln bis zum Meer. Das Gewässer hier ist die Nordsee. Um sich wirklich einmal "durchlüften" zu lassen, setzt das Mensch-Hunde-Gespann nach der vierstündigen Autofahrt mit der Fähre nach Wangerooge über. Das eigene Gefährt muss auf dem Parkplatz in Harlesiel zurückgelassen werden (Kosten pro Tag € 5.-), denn auf der Nordseeinsel sind Autos absolut tabu.

Die Fährzeiten sind abhängig von Ebbe und Flut, das bedeutet, dass die Fähren jeden Tag anders ablegen. Zum Glück gibt es den aktuellen Fahrplan im Netz, an dem man sich orientieren kann. Für Hin- & Rückfahrt muss man stolze € 56,20 berappen. Die Dame am Schalter überreicht mir einen PooPick "zur kontaktlosen Aufnahme der Hinterlassenschaften Ihres Hundes", wie sie erklärt. Dazu gibt es einen Flyer, in dem "Klaus & Hund Karlchen" die aus Pappe bestehende und komplett kompostierbare Alternative zum Hundekotbeutel erklären. Während ich finde, dass mit dem Betreten der Fähre schon der Urlaub beginnt, muss sich Pepples erst an die neue Umgebung gewöhnen. Der kleine schwarze Hund hat bereits Erfahrung mit Schiffen aller Art, liebt aber den festen Boden unter ihren Pfoten. Das Wetter hält an diesem Spätsommertag: Wolken ziehen auf, ab und zu kommt die Sonne durch, und natürlich weht dazu eine "steife Brise". "Eine Nordsee ohne Wind ist keine Nordsee" erfahre ich vom 70-jährigen Osnabrücker, der mit seiner Frau zum dritten Mal Urlaub auf der Insel macht.

Mit der Fähre überzusetzen, ist vollkommen okay, doch in das kleine, laute Flugzeug kriegen mich keine zehn Pferde!"

Pepples

Mischling, 6,5 Jahre

Während der Überfahrt komme ich unweigerlich und liebend gerne mit den Mitfahrenden in Kontakt. Im September machen auf der Nordseeinsel einige junge Familien mit kleinen Kindern Urlaub - jetzt sind die Preise deutlich niedriger als in der Hauptsaison. Mit an Bord sind auch einige Hundebesitzer: unter ihnen der 53-jährige Tino aus Bonn. Er will eine ganze Woche mit seinem Chihuahua "Gollum", dem "kleinsten Hund der Welt" auf Wangerooge verbringen, um "zur Ruhe zu kommen und neue Ideen für die Zukunft zu finden". Tino kennt die Insel gut, war schon viermal hier, liebt die friedliche Atmosphäre hier und vor allem die Gelassenheit der Insulaner. Die "Wieseninsel", wie das Eiland genannt wird (altgermanisch Wanga = Wiese / friesisch Oog = Insel), wird nach einer knappen Stunde erreicht. Weiter geht's dann mit der Inselbahn, und nach insgesamt 90 Minuten erreichen wir "Wangerooge City".

Tatsächlich ist es wahr. Hier auf der Insel hört man ihn nicht, den Motorenlärm, der in meiner Heimatstadt zum guten Ton gehört. Kein Zwischengas, kein Gehupe, keine Vollbremsung, kein Martinshorn und auch das Gebimmel der Straßenbahn spielt hier auf Wangerooge nicht die Spur einer Rolle. Einige Elektrokarren bringen das Gepäck der Gäste von A nach B. Ich gehe, den Hund natürlich an der Leine, mitten auf der Hauptstraße des Dorfes - und irgendwie hat es mich in dieser Sekunde erwischt, das Inselgefühl. Urlaub!

Seitdem Andreas auf der Insel ist, ist der so seltsam entspannt. Für mich gehört ein Spaßkämpchen am Strand zum Urlaub unbedingt dazu!"

Pepples

Mischling, 6,5 Jahre

Hotel New Hampshire: Reinkommen und wohlfühlen!

Unser Weg führt direkt zur Unterkunft. Begrüßt werden wir von einer wahrhaftigen Insulanerin. Petra Thießen führt hier auf der Insel u.a. das "Hotel New Hamphire", das sie gemeinsam mit ihrem Mann vor einem Jahr gekauft hat. Innerhalb von kurzer Zeit hat sie aus einem "4-Sternehaus mit Klinikatmosphäre" ein sehr besonderes heimeliges Hotel entwickelt, in dem Entspanntheit gepaart mit einer angenehmen Bodenständigkeit geboten und gelebt wird. "Wir sind ein offenes Hotel, in dem wir allen mit Respekt begegnen", erklärt die Besitzerin, "und das erwarten wir ebenso von unseren Gästen!" Zum Inventar gehören übrigens auch zwei Hunde: der etwas neurotische Rauhaardackel "Bertha" und die elf Jahre alte Pointer-Hündin "Lucy". Bären - weder ausgestopft noch lebendiger Natur - oder an Flatulenz leidende Hunde, wie sie in John Irvings gleichnamigen Roman eine Rolle spielen, sind nin diesem Wangerooger Hotel nicht zu finden.

Hundestrand - Hurra!

Auf der Insel herrscht Anleinpflicht - jedenfalls in der Zeit vom 15. März bis zum 31. Oktober. In dieser Zeit ist der Hundestrand das Freilauf-Eldorado für Vierbeiner. Rieka Beewen, die 26 Jahre junge Ur-Insulanerin, arbeitet bei der Kurverwaltung und zeigt mir den Hundestrand, der am östlichen Ende des Bade- und Burgenstrandes liegt. Mit dabei hat sie Anton, den einjährigen Labrador, der mit Pepples zwei Stunden lang über die Playa jagt. Nach dem Marsch gibt es für die Tiere ein Hundeeis vor dem Restaurant "Strandlust" und für die Zweibeiner ein Bier, das hier "friesisch herb" schmeckt und auf den Namen Jever Pilsener hört. Lecker! (Rieka Beewen - "Wangerooge, meine Insel!").

Der Strandspaziergang macht hungrig, die Seeluft auch - und überhaupt. Die Auswahl des Restaurants fürs Abendessen ist nicht leicht - ich entscheide mich für "Unser Boot", das mit "moderner deutsche Küche mit mediterranen Einflüssen" wirbt. Die Speisekarte heißt hier "Logbuch". Mich strahlt das Rip-Eye-Steak an, das "sous vide" im Vakuumbeutel bei konstant niedriger Teperatur gegart und vor dem Servieren in brauner Butter angebraten wird. Ein Fest. Dazu gibt es einen großen leckeren Salat und ein Glas von Riesling-Gott Markus Molitor von der Mosel. Leben wie Gott auf Wangerooge. 

Auf der letzten kurzen Runde an den Strand verpasse ich leider den Sonnenuntergang, schlafe aber später wie ein Baby. Pepples ratzt noch vor mir ein und schnarcht wie ein alter Seebär.

Lecker, lecker, lecker. Nach dem Strandspaziergang gibt's ein ganz ausgezeichnetes und nach Käse schmeckendes Hundeeis!"

Pepples

Mischling, 6,5 Jahre

Dünen- & Wattrunde mit der Biologin Inga Blanke & Bente

Noch vor dem Frühstück treffe ich mich am nächsten Morgen mit der Biologin Inga Blanke ("Wangerooger Watterlebnis"), die hier auf der Insel bis zu 100 Touristen täglich ins Watt führt und diese über diesen so besonderen Lebensraum aufklärt. Die ausgebildete Nationalpark-Wattführer kennt sich hier natürlich bestens aus. Inga Blanke hat zu unserem Morgenspaziergang ihren Hovawart "Bente" mitgebracht. Die Hundedame muss sich erst einmal an den Stadthund gewöhnen, doch nach einem Marsch zu einem ihrer Lieblingspunkte, der Aussichtsplattform oberhalb des "Bielefelder Haus", und einem gemeinsamen Strandspurt sind die Ressentiments abgearbeitet. Die Biologin führt uns durch die zum Nationalpark gehörende Braundünenlandschaft und erzählt voller Leidenschaft über ihren Arbeitsplatz. Natürlich darf man hier nur auf den offiziellen Wegen gehen, und die Hunde müssen hier das ganze Jahr über angeleint sein, damit die hier rastenden, bzw. lebenden Tiere ungestört bleiben.

Nach der "Dünen- & Wattrunde" stärke ich mich im Hotel New Hampshire und genieße das grandiose Frühstück. Die Bibliothek ist für Menschen mit Hunden reserviert. Während Pepples vergebens hofft, dass ich sie am Frühstück beteilige, kommen die beiden Haushunde Bertha und Lucy und setzen ihre herzerweichenden Hundeblicke auf. Jedoch leider erfolglos. 

24 Stunden sind wie im Fluge vergangen. Vor der Rückreise sagt meine Wetter-APP Sturm voraus, was mich zugegebenermaßen beunruhigt, da ich bei hohem Wellengang bisher noch niemals auf dem Wasser war. Die Insulaner jedoch lachen über ein "solch müdes Lüftchen" und können mich beruhigen. Auf der Fahrt auf der Fähre treffe ich die in Berlin lebende Schauspielerin Elisabeth Richter-Kubbutat, die Tags zuvor mit der Akkordeonspielerin Susanne Stock in der evangelischen Kirche "St. Nikolai" aus der Lindgren-Erzählung "Das entschwundene Land" gelesen hat. Auch die Berlinerin hat den 24-stündigen Aufenthalt auf Wangerooge genießen können, ist mit ihrem Auftritt zufrieden und fühlt sich nach dem Bad in der Nordsee "wie neu geboren". Nächstes Jahr will sie, wenn es zeitlich passt, auf jeden Fall noch einen Tag dranhängen. 

FAZIT

So wie der Berlinerin geht's mir auch. Das Insel-Feeling hat mich von der ersten Minute an gecatcht. Laut einer Onlinebefragung aus dem Jahr 2017 sind sich mehr als 86 Prozent der Inselgäste sicher, dass sie noch einmal zum Urlaub nach Wangerooge kommen werden. Ich gehöre absolut zur Mehrheit und weiß, dass ich wiederkommen werde. Dann aber mit deutlich mehr Zeit.

Wangerooge ist einfach eine geile Insel.