Ursula Löckenhoff - "Das Geheimnis der Räume"

Portrait Andreas Moll
von Andreas Moll – 15.12.2019

Aufgeregt bin ich, als ich Ursula Löckenhoff im Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim besuche, denn ich darf sie mit meiner Hündin Peppels im Schlepptau auf einer Hunderunde begleiten. Was mich jedoch nervös macht ist die Tatsache, dass noch elf weitere Hunde mit von der Landpartie sind. Für Ursula Löckenhoff sollte genau dieser Umstand kein Problem darstellen, ist sie doch Expertin für Mehrhundehaltung und hat ihre Erfahrungen in dem Buch "DogTeam" (Kosmos Verlag) zusammengefasst.

Erstkontakt

Ursula Löckenhoff leitet in Düsseldorf ein Hundehotel. Dort leben die eigenen Hunde, die vierbeinigen Hotel- und Tagesgäste mit der Familie Löckenhoff im Düsseldorfer Haus unter einem Dach. Für mich war diese Vorstellung nur sehr schwer greifbar, so dass ich meinen Hund Pepples erst einmal vor dem Haus angeleint hatte, bevor ich klingelte. Statt des erwarteten wilden Gebells begrüßt mich die Protagonistin mit einem breiten Lachen, einem festen Händedruck und einem Pott Kaffee. Pepples ist das Ganze nicht recht geheuer, macht sich groß, indem sie ihre Nackenhaare aufstellt und macht sich ganz langsam mit der neuen Umgebung vertraut. Ursula Löckenhoff hat bis Emma und Paula, zwei Golden Retriever Hündinnen, die auf ihren Plätzen liegen und auf weitere Ansagen warten, alle anderen Vierbeiner aus dem Wohnzimmer ausgesperrt. So kann ich mich mit der Hausherrin unterhalten, während mein Hund die neue Umgebung erschnüffeln und langsam ankommen kann.

Festgelegte Räume geben Struktur und Sicherheit!

Bei einer Tasse Kaffee erfahre ich, dass sich mein Gegenüber seit vielen Jahren im Tierschutz aktiv ist, Hunde in Not aus dem In- und Ausland aufnimmt, resozialisiert und diese vermittelt. Vor 13 Jahren gründete sie den Verein Galgo-Hilfe e.V., der sich zu einem europäisches Netzwerk von Tierschützern entwickelt hat, das auf das Schicksal der Windhunde, speziell der spanischen Galgos, und deren Rettung aufmerksam macht. Im Vorfeld hatte ich gelesen, dass sie gut sozialisierte Hunde als Gäste aufnimmt, aber auch Hunde mit Erziehungsdefiziten und Handicaps in ihre Gruppe integriert. "Die Basis meiner Arbeit ist die Aufrechterhaltung einer strukturierten Gemeinschaft mit eigenen Ritualen", erklärt sie strahlend. Als mehrfach die Begriffe "Räume", "Raumdenken" und "Raumvorgaben" fallen, bin ich überfordert und gleichsam neugierig.

Ursula Löckenhoff denkt in Räumen, um ihren Vierbeinern auf der Hunderunde die größtmögliche Form der Freiheit zu ermöglichen. Jedes Umfeld wird von ihr in klar abgegrenzte Bereiche unterteilt, die sie zunächst erkundet, dann benennt und dann erst für die Hunde freigibt. "Das hört sich furchtbar esoterisch an", sagt Löckenhoff lachend, "gibt der Gruppe jedoch Struktur und vor allem Sicherheit"

Ich sehe furchteinflößend aus, bin aber der größte Schmusehund unter der Sonne. Mit Ursula kann ich stundenlang kuscheln."

Faraón

Herdenschutzhund-Mix, 5 Jahre

Wolfi, Lilli, Faraón & Co.

Die anderen auf Haus und Terrasse verteilten Hunde, werden langsam ungehalten, denn der allmorgendliche Ausflug steht an. Die "Chefin" holt die vierbeinige Crew ins Wohnzimmer, nicht ohne mir den Auftrag zu geben, mich mit Pepples in die Ecke des Zimmers zu stellen und mich erst einmal schützend vor meinen Hund zu stellen. Zuerst betritt ein weißer Schäferhund den Raum, nimmt Kontakt mit uns Neulingen auf, kläfft ein wenig und macht deutlich, dass er hier etwas zu "sagen" hat. "Wolfi", der fünfjährige Rüde, der vor zwei Jahren sein Zuhause verloren hat und von Löckenhoff aufgenommen wurde, ist ihre rechte Hand, ihr Helfer. Boxerhündin Chanel hingegen ist überglücklich, dass Pepples mit dabei ist, ist sehr lustig und bringt direkt Schwung in die Bude. Der Rest der Rasselbande freut sich zwar über die Neuen, wollen jedoch unbedingt ihre Runde drehen.

Das "Prinzip Raum" wird zum ersten Mal richtig in der Garage deutlich, in der sich die Hunde versammeln und angeleint werden. Die ganze Prozedur, die an einen Kindergarten-Ausflug erinnert, geht absolut friedlich vonstatten. Klassische Konditionierung findet nicht statt, vielmehr spricht Löckenhoff mit den Hunden, beschreibt ihr Tun, erklärt, was die Vierbeiner machen sollen und unterstreicht das alles mit ruhigen, eindeutigen Gesten. Diese Ruhe nimmt die Meute auf - sogar mein in dieser Runde noch sehr unsicherer Hund, weiß, was er zu tun hat. "Die Hunde wissen, dass es erst losgeht, wenn ich ihnen aktiv den nächsten Raum (in diesem Fall den Weg vor dem Haus) freigebe", erklärt mir die Dagwalkerin. Dann geht es richtig los - und das in einem ordentlichen Tempo, bei dem jeder einzelne mittraben muss. Bis zum Ableinort wird das Tempo hoch gehalten. Das ist eines der Rituale, die den Hunden Spaß machen, das Gruppengefühl stärken und jedem einzelnen Sicherheit geben. Vor allem wissen die Hunde, dass sie nun nach Herzenslust schnüffeln, markieren und ihre Blasen entleeren dürfen.

Picknick im Wald, rumtollen auf der Wiese und Abkühlung im Wasserloch

Weiter geht es auf der Hunderunde ("Das dreckige Dutzend im Gerresheimer Abenteuerland") durch ein kleines Waldgebiet, in der die Gang auch weiterhin nah beieinander läuft - bis zum nächsten Programmpunkt. Ein neuer Raum, ein kleiner Höhepunkt, ein weiteres Ritual. Auf einer Lichtung nahe an einem Abhang wirft die Chefin zwei Hände voll Leckerlis in die Büsche. Die Hunde sind begeistert, suchen aufgeregt danach, finden natürlich alles und verdrücken das kleine Picknick in Nullkommanichts. Löckenhoff zeigt auf den Übergang zum Wald in ca. 20 Meter Entfernung, wo ab und an Wild auftaucht. "Da die Hunde jedoch ihren Raum kennen und der Waldrand nicht mehr dazu gehört, lassen sie sich auch durch die Rehe nicht aus der Ruhe bringen", erklärt die Fachfrau, die noch einmal darauf hinweist, dass sich in ihrer Gruppe einige jagdaffine Hunde befinden. Weiter geht es durch den Wald bis zu einer wunderschönen Wiese. Dabei bildet Galgo-Mix "Herr Rossi", der bei einem Kampf in einem spanischen Tierheim eines seiner Beine verloren hat, das Ende und passt auf seine Truppe auf. Wer gedacht hätte, die Hunde würden mit Karacho auf ihren "Spielplatz" laufen, hat die Rechnung nicht ohne die Regeln dieser Hundegruppe gemacht. Löckenhoff macht sich erst ein Bild vom Gelände, hält nach möglichen Gefahren Ausschau und gibt erst dann ihren Begleitern das "GO!"

Spa-Bereich für die Hunde

Der 50 Kilogramm schwere Hirtenhund Faraón, der mit seinen abgeschnittenen Ohren vier Jahre lang in spanischen Tierheimen lebte und bis vor zwölf Monaten nur Betonwände kannte, ist der Erste am Wasserloch. Nach und nach kommen die anderen Rudelmitglieder, nehmen einen Schluck oder stürzen sich mit Lust ins kühlende Nass. Es gibt natürlich auch einige wasserscheue Tiere - so wie beispielsweise mein Hund Pepples - die diesem Programmpunkt mit gebührendem Abstand begegnen. In diesem Natur-Spa-Bereich gibt es aber noch etliche Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Golden Retriever-Hündin Emma, die als Tagesgast zu der Löckenhoff'schen Gruppe kommt seitdem sie fünf Monate alt ist, wälzt sich genüsslich im nassen Laub, während .

Ich liebe dieses luxuriöse Schwimmbad mitten im Wald, in dem ich mich mit den Kollegenhunden jeden Tag austoben darf."

Faraón

Herdenschutzhund-Mix, 5 Jahre

Begegnung mit Joggern, Hunden, Golfern und Pferden

Die Hunderunde geht weiter. "Wolfi" geht voran und macht immer wieder deutlich, dass er der Chef im Ring ist. Nach den Spiel- und Spaßeinheiten geht es weiter auf der Runde am Wildpark entlang, in dem leider keine Hunde Zutritt haben. Ansonsten jedoch gibt es viele andere große und kleine Highlights, wie zum Beispiel die Golfer, die auf dem Gelände des Golfclubs Grafenberg ihren Lieblingssport ausüben. Eine außergewöhnliche Gruppe wie unsere erregt natürlich Aufsehen, und sowohl Sportler als aus Vierbeiner betrachten einander, ohne sich gegenseitig zu stören.

Kommen dem Rudel fremde Hunde, Jogger, Spaziergänger oder Pferde entgegen, nimmt Löckenhoff jedes Mal die Energie aus der Gruppe, wirkt beruhigend auf die Tiere ein und versammelt ihr Rudel in einer Nische am Rand des Weges, bzw. der Straße. Dieses Ritual steckt im wahrsten Sinne an, denn auch ich als Begleiter der Gruppe merke, wie ich tief einatme und der Begegnung gelassen entgegensehe. Genauso geht es den Hunden, die mit gleicher Freude wieder weiterziehen, nachdem die Chefin ihnen die Erlaubnis durch ene kleine Geste gegeben hat. Auch als dem Rudel kurz vor dem Zielpunkt eine Kindergartengruppe entgegengeht, entspannen sich beide Parteien, beäugen sich interessiert und gehen kurze Zeit später ihrer Wege. Am "Gut Grosseforst" werden alle wieder angeleint - keiner der Hunde lässt sich von den Pferden irritieren, von den Hofhunden oder von dem heranfahrenden LKW aus der Ruhe bringen. Nach gut 90 Minuten kommen wir wieder am Ausgangspunkt des ausgiebigen Dogwalks an.

FAZIT

Hunde und Menschen sind nach der Hunderunden extrem entspannt und zufrieden. Pepples, die erstmalig mit elf anderen, fremden Hunden an der Leine gegangen ist, hat sich an die meisten Regeln sehr schnell gewöhnt. Würde sie regelmäßig ohne ihren Besitzer die Gruppe begleiten, würde es bei ihr keine zwei Monate dauern, bis sie als akzeptiertes Mitglied des Rudels die Hunderunden mitdrehen würde. Wer mehr über die Arbeit von Ursula Löckenhoff wissen will, besorgt sich die beiden Bücher „DogWalk“ und „DogTeam“ (Kosmos Verlag), in denen sie ihr Wissen praxisnah und gut verständlich weitergibt.