"Wenn die Luft knapp wird" - Multi-Level‐Chirurgie bei kurzköpfigen Hunderassen

Das Brachyzephale Obstruktive Atemnotsyndrom (BOAS) fasst Symptome von Atemnot bei kurzköpfigen Hunderassen zusammen. Die Beschwerden der Hunde werden durch verschiedene Einengungen im Atmungstrakt verursacht. Beim Spielen, beim Laufen, beim Essen und/oder beim Schlafen kann ihnen buchstäblich die Luft weg bleiben.

Die Gründe

Im Atmungstrakt bei BOAS-Patienten ist mehr Weichteilgewebe als Platz vorhanden, in manchen Fällen ist auch der knöcherne Weg zu eng. Zusätzlich können sich manche Öffnungen beim Atmen verschließen und zum Kollaps führen. Das Geräusch, das dabei entsteht, nennt man Stridor (z.B. Stridor pharyngealis bei einer Gaumensegelpathologie). Oft überlagern sich bei einem Patienten mehrere Geräusche.

Symptomatik BOAS

Betroffene Hunde zeigen oft eines oder mehrere der folgenden Symptome:

• Verschleimt oder rasselnd klingende Geräusche beim Hecheln
Schnarchgeräusche in Ruhe, beim Schnüffeln und/oder im Schlaf
Pfeifende Einatmung bei verstärkter Atemtätigkeit
Enge Nasenlöcher, evtl. verstärkt wässriger oder schaumiger Ausfluss
stark verlängerte Beruhigungsphasen nach Anstrengung
• Ausspucken von weißlichem Schleim oder Futter bei Aufregung
Nächtliche Atemaussetzer
Schlaf mit erhöhtem Kopf
• Versuchter Schlaf im Sitzen
Schlafen mit Spielzeug im Mund
• bei lautstarkem Hecheln wird die Zunge bläulich
plötzliches Umkippen, Kollaps und/oder Bewusstlosigkeit

Wie die Auflistung zeigt, sind die bei BOAS auftretenden Symptome nicht immer direkt mit einer Veränderung der oberen Atemwege in Verbindung zu bringen. Obwohl die Ausprägung der Beschwerden sehr variabel sein kann, gelten prinzipiell alle aus der Entfernung hörbaren Geräusche beim Atmen als Hinweis auf eine Einengung.

Verengte Bereiche der Atemwege und wie sie zu finden sind

Die Diagnose einer relevanten Atemnot und damit eines BOAS kann leicht mit Hilfe des Vorberichtes und der klinischen Untersuchung durch den Tierarzt gestellt werden. Leidet ein brachyzephaler Hund unter Atemnot auf Grund von Einengungen der oberen Atemwege, ist ein chirurgischer Eingriff die Therapie der Wahl. Ob ein Hund operiert werden sollte, kann i.d.R. direkt nach klinischer Untersuchung eingeschätzt werden. Für die Entscheidung, welche Operationsschritte notwendig sind, um die Atmung zu verbessern, bedarf es aber weiterführender Diagnostik in Narkose. Bei manchen Hunden reicht eine ausführliche Spiegelung (Endoskopie) der oberen Atemwege aus. Andere benötigen zusätzlich eine Computertomographie des Kopfes, um die entsprechenden Bereiche ausreichend beurteilen zu können. Optimalerweise findet direkt im Anschluss die chirurgische Intervention statt.

Jedes aus der Entfernung hörbare Atemgeräusch muss ernst genommen werden, da es auf eine Einengung der Atemwege hin deutet."

Tierärztin Pia Rademacher

Multi‐Level-Chirurgie – Eingriff auf mehreren Ebenen

Die oberen Atemwege umfassen den Bereich der Maulhöhle, den Rachen, die Naseneingänge mit Vorhof und Öffnung, die Nasenhöhlen, den Nasenrachen und den Kehlkopf. Zusätzlich sollten auch Luftröhre und Stammbronchien beurteilt werden, auch hier sind häufig Veränderungen zu finden.

Nahezu alle kurzköpfigen Hunde mit Atemnot auf Grund eines BOAS weisen mehrere Engstellen auf mehreren Ebenen der Atemwege auf (z.B. Nase, Rachen und Kehlkopf). Daher führt man bei den Patienten einen sogenannten Multi-Level-Eingriff durch, eine Operation, die die Erweiterung mehrerer Problemstellen kombiniert. Ein weiterer Grund für diese Vorgehensweise ist, dass eine Identifizierung einer einzigen Verengung als Hauptverursacher in den meisten Fällen nicht möglich ist.

Die bekanntesten Engstellen bei kurzköpfigen Hunden mit Atemnot sind das verlängerte und verdickte Gaumensegel, die engen Nasenöffnungen, vorgefallene Kehlkopftaschen und die vergrößerten Rachenmandeln. Durch die verbesserten technischen Möglichkeiten ist es in der modernen Hals‐Nasen-Ohrenheilkunde bei Kleintieren möglich, präzisere Befunde zu erheben und somit weitere Engstellen bei kurzköpfigen Hunden identifizieren und therapieren zu können.

Hochauflösende Kameras und Operationsmikroskopie sind nicht mehr aus dem HNO‐Operationssaal wegzudenken. Die Multi-Level.Chirurgie umfasst daher heutzutage z.B. auch Techniken zur Erweiterung des Kehlkopfes bei Kehlkopfkollaps oder den Nasenvorhof mit verschiedenen Methoden (z.T. laser‐assistiert) mit in die Nasenerweiterung mit ein zu schließen. Das Innere der Nasenhöhlen kann z.B. über die Entfernung bestimmter Strukturen laser-chirurgisch vergrößert werden oder der Nasenrachen endoskopisch von zu weit nach hinten wachsenden Nasenmuscheln befreit werden.

Die Zeit bis zur Operation

Die Hunde sollten ein Brustgeschirr tragen, um den Halsbereich zu entlasten und das Atmen zu erleichtern. Ein strenges Gewichtsmanagement ist bei brachyzephalen Hunden extrem wichtig. Hunde mit BOAS können durch verminderte Aktivität bei erschwerter Atmung schnell übergewichtig werden und noch schlechter Luft bekommen. Spaziergänge sollten kurz und zu kühlen Tageszeiten stattfinden, Stress und Aufregung sollte reduziert werden.

Zum Thema Atemnot

Atemnot (Dyspnoe) beschreibt eine Diskrepanz zwischen Anforderung an die Atmung und Möglichkeiten seitens des Patienten. Das Gefühl von Luftnot entsteht auch beim Atmen gegen einen Widerstand. Ein BOAS bereitet den betroffenen Hunden nicht nur Stress, sondern mindert ihre Lebensqualität deutlich und kann zu lebensgefährlichen Situationen führen.

Dieser Artikel soll helfen, ein BOAS besser einschätzen zu können und auch in milderer Form zu erkennen.