Das „Trockene Auge“ beim Hund – Erkennen und therapieren

Das „trockene Auge“, auch Keratoconjunctivitis sicca oder Sicca-Syndrom genannt, ist eine häufige Augenerkrankung bei Hunden. Das Problem: Der schützende Tränenfilm im Auge versagt. In der Folge kann es zu schmerzhaften Entzündungen mit Folgeschäden kommen. Eine rechtzeitige Behandlung ist daher wichtig und verspricht gute Therapieerfolge.

Warum der Tränenfilm so wichtig ist!

Der Tränenfilm im Auge setzt sich aus drei Komponenten zusammen: der Lipidschicht, der wässrigen Komponente (größter Anteil mit 90-98 %) und der Muzin/Schleimschicht. Zusammen mit Nerven und Lidern schützt er durch beständige Befeuchtung und Ernährung die Bindehaut, Hornhaut und Augenoberfläche. Mit jedem Lidschlag wird ein hauchdünner Feuchtigkeitsfilm auf der Hornhaut verteilt und gleichzeitig Fremdmaterial (z.B. Staub, Pflanzenteilchen) aber auch Bakterien und Viren abtransportiert. Über den Tränennasenkanal werden die Verunreinigungen mit der Tränenflüssigkeit vom Auge weggeleitet. Gleichzeitig ist ein gesunder Tränenfilm wichtig für die Optik, also das ganze Sehen.

Welche Ursachen hat die Erkrankung?

Beim „trockenen Auge“ kommt es zu einer Funktionsstörung des Tränenfilms, meist durch Mangel der einzelnen Bestandteile oder zu hohe Verdunstung. In der Folge entstehen Veränderungen an Bindehaut und Hornhaut. Man unterscheidet eine quantitative Störung bei Fehlen der Flüssigkeit und eine qualitative Störung bei Mangel an den Lipid- und Muzin-Anteilen.
Warum es zu einer Störung kommt, kann vielfältige Ursachen haben: Oftmals sind sie rassebedingt, also angeboren. Aber auch eine vorhergehende Augenerkrankung bzw. Infektion kann die Probleme auslösen. Genauso kann die Ursache im Zusammenhang mit Systemerkrankungen stehen, d.h. autoimmun, hormonell, neurogen bedingt sein.

Was passiert, wenn das Auge zu trocken ist?

Wie die Ursachen sind auch die klinischen Symptome des Sicca-Syndroms vielfältig. In frühen Stadien erscheinen die Augen gerötet, mit unterschiedlich wässrigem oder mukösen bis eitrigen Ausfluss. Oft fallen auch „nur“ morgens die pappig verklebten Augen auf. Da die Anzeichen im frühen Stadium unspezifisch sind, besteht die Gefahr, die Erkrankung mit einer primär bakteriellen Bindehautentzündung zu verwechseln. In fortgeschrittenen Fällen werden die Schmerzen auffällig, es besteht starkes Lidkneifen. Die Bindehaut ist hochrot, pappig-verklebt und verdickt. Die Hornhaut erscheint matt, rau, getrübt bis zu undurchsichtig. Erfolgt keine Therapie, kommt es zu einer zelligen Infiltration und braun bis schwarzen Pigmentation und zum Einwachsen von Gefäßen. Auch kann es zu Ulzerationen bis zur Perforation der Hornhaut kommen.

Wie das trockene Auge diagnostiziert wird. Hierfür tehen mehrere Tests zu Verfügung:

1. Spaltlampenuntersuchung des Lidrandes, der Bindehaut, der Hornhaut und der gesamten Augenoberfläche.

2. Schirmer Tränentest (STT) zur Messung des wässrigen Anteiles des Tränenfilm (STT 1: Messung der Reiztränenproduktion, STT 2 Messung der basalen Tränenproduktion).

3. Eine Vitalfärbung mit Fluoreszein färbt den präkornealen Tränenfilm und die Epitheldefekte, eine Vitalfärbung mit Lissamingrün färbt oberflächlich geschädigte Zellen ein.

4. Tränenfilmaufreißzeit-Untersuchung mit Farbstoff (Fluoreszein) unter dem Blaufilter der Spaltlampe.

Das trockene Auge hat viele Gesichter: akut, hochschmerzhaft, ein Notfall - moderat, fast unbemerkt, trotzdem mit Schmerzen und Folgeschäden für das Auge verbunden. Stets ist eine individuelle Behandlung notwendig!"

Dr. Christine Thyssen, Tierärztliche Klinik Gessertshausen

Wie eine erfolgreiche Therapie aussieht.

Ziel der Therapie ist eine ausreichende und stabile Befeuchtung der Augenoberfläche. Dadurch werden Schmerzen gelindert, die Lebensqualität verbessert und Folgeschäden am Auge vermindert. Dies erreicht man durch Ersetzen der Tränenflüssigkeit und der Anregung der Produktion. Abhängig vom Schweregrad muss die Tränenflüssigkeit künstlich ergänzt werden. Grundsätzlich gilt: lieber zu viel als zu wenig. Hier stehen eine Vielzahl von Tränenersatztropfen/ Gels / Salben zur Verfügung, es empfiehlt sich, konservierungsmittelfreie Präparate zu verwenden. Je nach Schweregrad werden niedrig-visköse Präparate bis zu hochviskösen Gelen und Salben eingesetzt. Eine individuelle Anpassung an den Patienten ist entscheidend.
Notwendig ist auch eine gute Lid-und Augenhygiene durch Reinigung der Augenumgebung, der Lider und Ausspülen des Schleimes aus dem Bindehautsack vor der Medikamenten-Applikation.

Zusätzlich sollte die natürliche Tränenproduktion angeregt werden. Immunmodulierende Stoffe wie Topisches Ciclosporin A und Tacrolimus führen durch die lokale Ausschüttung von Neurotransmittern zur erhöhten Tränenproduktion und zur Verbesserung der Keratopathie und Abnahme der Beschwerden. Cholinerika eignen sich in ausgewählten Fällen zur Aktivierung der Tränensekretion über den Nervus Parasympathicus. Unterstützend können Omega-3-Fettsäuren gefüttert werden, die als antiinflammatorisch wirkend beschrieben sind. Lokale Antibiose und entzündungshemmende Therapie mit lokalen Kortikoiden sind in einigen Fällen nötig. Resistenztests und strenge Abwägung insbesondere bei Kortikoiden sind notwendig.

Chirurgische Therapie

Bleibt ein Erfolg bei lokaler Therapie aus, kann ein chirurgischer Eingriff in Erwägung gezogen werden. Dabei wird der Speicheldrüsenausführungsganges (Ductus parotideus) in den Bindehautsack verpflanzt. Abschließend lässt sich sagen: Auch wenn die Symptome des „trockenen Auges“ anfangs diskret und unauffällig sind, sollte es möglichst frühzeitig diagnostiziert und therapiert werden.