Gewitter im Gehirn – Epilepsie bei einem vierjährigen Labrador

Seinen ersten Anfall hatte Labrador Ben in den frühen Morgenstunden: er lag in seinem Körbchen und bekam plötzlich sehr weite Pupillen, überstreckte den Kopf und fing an mit den Beinen zu rudern und zu speicheln. Der Anfall dauerte etwa 1-2 Minuten. Danach war er noch etwas orientierungslos. Der nächste Anfall kam etwa drei Wochen später - mit ähnlichem Verlauf.

1-5% aller Hunde leiden an Epilepsie

Jeder Hund, egal ob Mischling oder Rassehund, kann an Epilepsie erkranken. Jedoch gibt es Rassen, bei denen ein gehäuftes Vorkommen beobachtet wird. Hierzu zählt auch der Labrador. Insgesamt leiden 1-5% der Hunde an Epilepsie. Man unterscheidet zwischen angeborener (idiopathischer) und symptomatischer Epilepsie. Es ist eine Ausschlussdiagnose. Das bedeutet, dass man überall im Körper nach möglichen Ursachen für die Krampfanfälle sucht. Bei der angeborenen Epilepsie findet man keine Ursache, bei der Symptomatischen Epilepsie hingegen schon.

Bei Ben wurde zunächst ein ausführlicher Vorbericht aufgenommen: Ist Epilepsie bei Eltern oder Wurfgeschwistern bekannt? Wie alt war Ben bei seinem ersten Anfall? Könnte er ein Gift aufgenommen haben? Wie sah der erste Anfall aus? Wie lange war der zeitliche Abstand zwischen dem ersten und dem zweiten Anfall? Diese Fragen geben häufig schon einen ersten Hinweis auf die Ursache der Anfälle. Im Anschluss wurde er allgemein untersucht, um andere nicht neurologische Probleme zu erfassen. Dann erfolgte eine ausführliche neurologische Untersuchung. Hierbei wurden unter anderem seine Pupillenreaktion getestet (Abbildung 1) und seine Reflexe (Abbildung 2). Bei Ben war alles unauffällig. Seine Besitzer entschieden sich für eine weitere diagnostische Aufarbeitung. Sie wollten sicher sein, das keine Ursache hinter den Anfällen steckt, die man gegebenenfalls gezielt behandeln könnte.

Weiterführende Diagnostik

Der erste Schritt der weiterführenden Diagnostik war eine Blutuntersuchung. So können zum Beispiel ein niedriger Blutzucker oder Elektrolytverschiebungen zu Krampfanfällen führen. Wichtig ist auch die Ammoniak-Bestimmung. Vor allem bei sehr jungen Hunden kann eine angeborene Gefäßmissbildung (Lebershunt) zu Krampfanfällen führen. Dabei umgeht das Blut aus dem Darm das Lebergewebe und wird durch ein Gefäß („Shunt“) direkt zur Hauptvene geleitet. Dadurch kann das Blut in der Leber nicht „entgiftet“ werden und die Giftstoffe gelangen in das Gehirn und können zu Krampfanfällen führen. Einer dieser giftigen Stoffe ist Ammoniak, dessen Bestimmung eine schnelle Beurteilung der Leberfunktion ermöglicht. Ergänzend wurden die Schilddrüsenwerte bestimmt. In einer Ultraschalluntersuchung von Ben wurden alle Organe in seinem Bauch genau untersucht. Zur Beurteilung von Herz und Lunge wurde ein Röntgenbild angefertigt (Abbildung 3).

Diagnose: Idiopathische Epilepsie

Für die weiteren Untersuchungen war eine Vollnarkose nötig und obwohl seine Besitzer etwas Angst davor hatten, entschieden sie sich für eine Kernspintomographie (MRT) von seinem Gehirn und einer Gehirnwasser (Liquor) Untersuchung. Nachdem auch diese Untersuchungen keinerlei Auffälligkeiten aufwiesen, stand die Diagnose fest: Idiopathische Epilepsie. Seine Besitzer waren sehr erleichtert. Um weitere Anfälle zu verhindern, wurde Ben auf ein Antiepileptikum eingestellt.

Bei etwa einem Drittel der Hunde erreicht man so eine Anfallsfreiheit, ein Drittel zeigt eine Reduktion der Anfälle um etwa 50% und bei dem Rest lassen sich die Anfälle trotz der Gabe von Medikamenten schwer kontrollieren. Ben zeigte zu Beginn der Therapie mit Phenobarbital klassische Nebenwirkungen: er war etwas schwach auf den Beinen und hatte noch mehr Hunger als sonst. Diese Nebenwirkungen verschwanden erwartungsgemäß nach etwa einer Woche. Um mögliche Reaktionen seines Körpers auf das Medikament früh zu erkennen, würde Ben von nun an zweimal im Jahr zur Blutkontrolle kommen.