Rottweiler Willi mit einseitigem Nasenausfluss

Willi ist ein zweijähriger Rottweiler, der in einer Familie mit einem dreijährigen Kind lebt, in die er im Alter von sieben Monaten aufgenommen wurde. Seit Beginn ließ er sich nicht gerne am Kopf streicheln und war Menschen gegenüber zunehmend unfreundlich - seine Besitzer konnten jedoch sehr gut mit ihm umgehen. Im Alter von neun Monaten bekam Willi einseitigen Nasenausfluss und duldete es fortan gar nicht mehr, am Kopf berührt zu werden – auch von seinen Besitzern nicht. Wegen des Nasenausflusses erhielt der Rüde verschiedene Antibiotika und Nsaids, die kurzfristig den Nasenausfluss linderten. Hierzu wurden Abstriche für eine Keimbestimmung genommen, die wie erwartet verschiedene Bakterien nachwiesen, jedoch keinen Hinweis auf die Ursache des Problems gaben. Die Beschwerden kehrten jeweils in steigender Intensität zurück - zudem stellten sich Atembeschwerden ein. Nachdem verschiedene Tierärzte aufgesucht worden waren, bemerkte ein aufmerksamer Kollege, dass der Fangzahn im rechten Oberkiefer (maxillärer Caninus) fehlte, und stellte einen möglichen Zusammenhang zu den Symptomen her. Willi wurde uns zur weiteren Abklärung überwiesen.

Befunde bei Vorstellung

Die klinische Untersuchung des wachen Rüden war nicht möglich, da er sich von fremden Personen kaum noch berühren ließ. Ein deutliches Atemnebengeräusch (Stridor) war hörbar, das rechte Nasenloch war mit Sekret verklebt. Die Untersuchung der Maulhöhle in Sedation war bis auf den fehlenden Fangzahn des rechten Oberkiefers (Zahn 104) im modifizierten Triadanschema ohne besonderen Befund (FOTO 1. 687-1). Bei der stomatologischen Untersuchung der gesamten Maulhöhle wurde jeder einzelne Zahn mit einer Zahnsonde und einer Parodontalsonde untersucht. Hierbei werden alle Befunde einschließlich Plaqueindex, Gingivitisindex, Furkations- und sonstiger Sondierungsbefunde (Taschentiefe) erhoben und dokumentiert. Die Dokumentation erfolgt in einem von uns für unsere Anforderungen entwickelten Befundbogen, in dem wir sowohl die erhobenen Befunde als auch die in gleicher Sitzung durchgeführte Therapie erfassen.

Diagnostik

Das diagnostische Verfahren der Wahl bei Verdacht auf Erkrankungen der Nasenhöhle ist die Computertomografie (CT). Dies ist ein Schnittbildverfahren, das in Millimeterabständen jeden Abschnitt der entsprechenden Körperregion abbildet. Der große Vorteil ist, dass mit Hilfe der Bildbearbeitung dreidimensionale Rekonstruktionen angefertigt werden können. Diese Rekonstruktionen sind für die Erkennung der Lagebeziehung einer Veränderung zu anderen Organen und Strukturen, zum Beispiel den Augen oder den Kiefergelenken, von großem Wert – insbesondere, wenn es um die Chirurgie geht. Die Endoskopie der Nasenhöhle ermöglicht dagegen keine vollständige Untersuchung aller Abschnitte und wird oft durch Sekrete oder Blut erschwert. Insbesondere sollten endoskopische Verfahren nicht vor einer Computertomografie erfolgen, denn die endoskopische Untersuchung kann Befunde im CT verfälschen oder sogar verdecken und die hohe Aussagekraft einschränken, die in der Computertomografie liegt.

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit hat für Rottweiler Willi die korrekte Diagnose und Therapie erleichtert. Fehlende Zähne können als verlagerte Zähne oder Zahnanlagen vorhanden sein und sollten über bildgebende Verfahren abgeklärt werden."

Dr. Martina van Suntum, Tierärztliche Klinik Germersheim

Die bei Willi durchgeführte Computertomografie zeigte einen vollständig ausgebildeten Fangzahn, der komplett in der rechten Nasenhöhle lag (FOTO 2). Ursache für Zahnverlagerungen können Traumata im Welpenalter sein. Da Willi erst im Alter von sieben Monaten in die Familie kam, war darüber nichts bekannt.

Die Befunde wurden mit den Tierbesitzern besprochen, und in gleicher Narkose wurde der verlagerte Zahn entfernt. Für den chirurgischen Zugang zur Nasenhöhle gibt es verschiedene Techniken: dorsal vom Nasenrücken oder über eine laterale Rhinotomie vom Vestibulum der Maulhöhle. Nach sorgfältiger Auswertung der CT-Bilder in Zusammenarbeit der Abteilungen Zahnheilkunde und Hals-Nasen-Ohrenerkrankungen (HNO) entschieden wir uns für die laterale Rhinotomie von der Maulhöhle aus. Die Narkose erfolgte als Inhalationsnarkose (Isofluran) in Sauerstoff/Luftgemisch und das Narkosemonitoring routinemäßig mit Kontrolle von O2- und CO2-Konzentration, Blutdruck (NIBP), Körpertemperatur über Ösophagussonde, EKG, Atemfrequenz und Herzfrequenz. Über den Venenkatheter erhalten die Patienten kontinuierlich eine intravenöse Infusion.

Therapie

Hierzu wird ein Mukoperiostflap im Bereich des in der Nasenhöhle liegen Zahnes subperiostal abgehoben und die knöcherne Wand der Nasenhöhle für den Zugang entfernt (FOTO 3). Die Lokalisierung des Zahnes in der Nasenhöhle ist wegen der starken Entzündung und Schwellung der Nasenschleimhaut sowie der Sekretbildung schwierig. Dabei ist die Positionsbestimmung aus den Koordinaten der CT-Bilder hilfreich. Nach Aufsuchen des verlagerten Caninus wird dieser mit einer Extraktionszange erfasst und extrahiert (FOTO 4). Die makroskopisch veränderte Nasenschleimhaut in dem Bereich wird entfernt. Der Wundverschluss erfolgte mehrschichtig mit monofilem resorbierbaren Nahtmaterial mittels Einzelheftung. Die Analgesie beinhaltet intraoperativ Methadon, postoperativ Butorphanol und Meloxicam, letzteres für fünf Tage weiter oral. Auf die Gabe eines Antibiotikums wurde verzichtet.

Verlauf

Die Atembeschwerden waren bereits am Tag nach der Operation geringer. Für einige Tage beobachteten die Besitzer noch Nasenausfluss, der zehn Tage postoperativ verschwunden war. Die Abheilung erfolgte komplikationslos (FOTO 5).

Fazit: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit hat für Rottweiler Willi die korrekte Diagnose und Therapie erleichtert. Fehlende Zähne können als verlagerte Zähne oder Zahnanlagen vorhanden sein und sollten über bildgebende Verfahren abgeklärt werden.